Auf den Spuren von Friedrich Kaiser

Oder: Eine Reise in die Vergangenheit / Teil I

Heute: Ein Rundgang durch Dülmen I / Bericht von Markus Trautmann

Beginn des Stadtgangs

Schon zum zweiten mal haben heute Abend die Familienbildungsstätte und die Kirchengemeinde St. Viktor zu einem „Spirituellen Stadtgang“ durch Dülmen eingeladen. In der warmen Jahrszeit wollen wir interessante Wege und Punkte im Stadtgebiet erkunden, hier und da innehalten, uns über geschichtliche oder religiöse Hintergrunde informieren, passende Anekdoten und Zeitzeugenberichte hören. Die Touren sollen nicht „Rundgänge“ heißen, das klingt so ziellos. 

Wir wollen uns an diesem angenehmen Mai-Abend auf die Spuren eines prominenten Dülmeners begeben: Friedrich Kaiser, geboren 1903, wanderte als Herz-Jesu-Missionar 1939 nach Peru aus, wirkte dort als Bischof und Gründer einer Schwesterngemeinschaft in den Anden, starb hochbetagt 1993. 

„Spuren“ ist natürlich ein weiter Begriff, nach rd. 100 Jahren bzw. dem Zweiten Weltkrieg. Friedrich Kaiser schrieb im Frühjahr 1985 in einem Brief an den Dülmener Heimatverein mit entwaffnender Ehrlichkeit, dass auch er sich im „neuen“ Dülmen eigentlich nicht zurechtfände: „Ich habe Neu-Dülmen mehrmals gesehen; das letzte Mal war ich vor 18 Jahren dort. Ich bekenne jedoch, dass vom Neu-Dülmen mir nichts im Gedächtnis haften geblieben ist. Das Alt-Dülmen hingegen, mit seinen Häusern und Straßen habe ich noch klar im Gedächtnis.“ So soll auch unsere heute „Spurensuche“ eher das Vergangene und Versunkene in Erinnerung rufen und nur ausnahmsweise wirklich authentische Überbleibsel vor Augen stellen. 

Vortrag aus dem Buch

Zu Beginn, eine Glocke im Kirchturm schlägt 18.30 Uhr, begrüßt Irmgard Neuss, die charismatische Leiterin der Familienbildungsstätte die Gruppe, die sich wie immer vor dem „Löwen“ am Kirchplatz eingefunden hat. Ungefähr 40 Personen sind heute gekommen. 

Als Einstieg trage ich einige Passagen aus dem Bändchen „Reisebilder aus Nord und Süd“, das kurz nach 1900 der dänische Dichter Johann Jörgensen (1866–1956) verfasste. (Mein handliches Exemplar, in Leinen gebunden, fand ich vor Jahren auf einem Dachboden in Schlesien; die Spuren von verlaufenem Teer auf dem Deckel deuten die lange Odyssee an, von der zu berichten ein eigens Buch geeignet wäre.) Darin berichtet er auch von einem Besuch in Dülmen. Es war an einem der letzten Tage im August. 

historischer Kirchplatz

Nachdem er sein Gepäck in einem örtlichen Hotel deponiert hatte, unternahm Jörgensen den ersten Spaziergang, „um Dülmen zu besichtigen. Eine Gasse gerade vor dem Hotel führt unmittelbar zur Kirche. Um das alte, gotische Gebäude breitet sich ein großer, mit Bäumen bewachsener Platz, wo die Sonne zwischen dem Laub der halb entblätterten Linden herab schien über ein großes Steinkruzifix mit Kniebank davor. Nicht weit vom Kirchplatz fand ich einen anderen großen, provinz-stillen und provinz-öden Platz; hier liegt das Rathaus und andere alte, ansehnliche Gebäude, große Kaufmannshäuser, Wohnungen für die Patriziergeschlechter der Stadt.“ Dann beschreibt er weitere architektonische Eigenheiten des Städtchens. „Das westfälische Haus – so wie man es in Dülmen noch findet, unverfälscht von moderner Berliner Kultur – wendet den Giebel nach der Straße, und die eine Hälfte des unteren Stockwerkes wird eingenommen von einer mächtigen Tür. Diese hat vier Flügel, zwei halbrunde oben, zwei viereckige unten, und in diesen letzteren sind wieder schmalere Türen angebracht, welche den gewöhnlichen Ein- und Ausgang für die Bewohner abgeben.“–  Und etwas weiter: „Gegen Abend nehme ich einen neuen Rundgang durch Dülmen vor. Die Sonne scheint über die stille, friedliche Stadt. Schmale, wohlgepflasterte Straßen winden sich zwischen Reihen von kleinen, roten, niedrigen Backsteinhäusern oder an den Stadtmauern hin, deren runde Türme mit den spitzen Dachkappen an Nürnberg erinnern. An vielen Stellen sind Küchengärten mit grünbemaltem Staket (Lattenzaun; Anm.) nach der Straße hin; überall findet man Gestelle mit Blumen vor den Fenstern – Pelargonien, Fuchsien, Pantoffelblumen – und über den niedrigen Dächern und den hohen Stadtmauern erhebt sich ein tiefblauer Himmel mit großen, schönen, silbernen weißen Wolken.“

Geburtsurkunde

Etwas von dem Abendspaziergang des Dichters ahnen wir schon jetzt, an diesem warmen Juni-Abend. Die Atmosphäre unseres Kirchplatzes mit den alten Linden erinnert noch an die Zeit und die Eindrücke Jörgensens. Wir begeben uns auf den Kirchplatz und stehen jetzt ungefähr auf halber Höhe (Luftlinie) zwischen Kirche und Rathaus, dem wir uns zuwenden. Hier, im Rathaus, wurde mir freundlicherweise eine Fotokopie aus dem Geburtsregister der Stadt Dülmen überlassen. In dem Vordruck beurkundet („vorgelesen, genehmigt und unterschrieben“) der langjährige Stadtbedienstete und spätere Rentmeister Josef Heiming, dass beim Standesamt der „Tischlergehülfe“ Josef Kaiser, wohnhaft in Dülmen, Neustraße No 269, katholischer Religion“, erschienen sei und angezeigt habe, „dass von der Wilhelmine Kaiser, geborene Depel, seiner Ehefrau, katholischer Religion, wohnhaft bei ihm, zu Dülmen in seiner Wohnung am vierundzwanzigsten Mai des Jahres tausendneunhundertdrei, nachmittags um sechs Uhr ein Knabe geboren worden sei und dass das Kind die Vornamen Friedrich August erhalten habe.“

St. Viktor

Wir wenden uns der Kirche zu. Ein angenehmer Luftzug mildert die noch immer stechende Abendsonne, ein leichtes Rauschen geht durch die alten Linden. Nennt man das „Säuseln“? Hier, in St. Viktor, empfing Friedrich Kaiser am 27. Mai 1903 (am selben Tag, an dem bei der Stadt die Geburtsurkunde ausgestellt wurde) durch KaplanSchlöter die Taufe. Der 27. Mai ist das Datum unserer heutigen Exkursion! Taufpaten damals waren August Depel, wohl ein Bruder der Mutter, sowie Catharina Martin geb. Kaiser, wohl eine Schwester des Vaters.

Nur wenige Getaufte wissen das Datum ihrer eigenen Taufe. Eigentlich schade. Zwar werden wir durch die Weihwasserbecken an den Eingängen unserer Kirchen oder durch die Erneuerung des Taufversprechens in der Osternacht immer wieder an den wichtigsten Tag unseres Lebens erinnert. Doch ist „Er-Innerung“ nicht automatisch „Ver-Innerlichung“. In unserem Seelsorge-Team überlegen wir seit einiger Zeit, das Geschenk und Geschehen neu ins Bewusstein der Gemeinde zu bringen. So gibt es zukünftig in der Viktorkirche in Dülmen rund um das Fest „Taufe des Herrn“ einen großen Tauferinnerungsgottesdienst für sämtliche Kommunionkinder eines Jahrgangs aus allen Gemeindeteilen – an jenem uralten Taufstein, an dem schon vor über 700 Jahren Menschen zu Christen wurden, lange bevor es verschiedenene Gemeinden oder gar Konfessionen gab. Noch bedeutsamer wird sein: Das Taufsakrament soll künftig seinen regulären Platz als „Tauffest“ in der sonntäglichen Eucharistiefeier erhalten – gefeiert gern mit vielen Täuflingen und ihren Familien gleichzeitig. Denn Taufe ist Eingliederung in die Gemeinde, Anlass höchster Aufmerksamkeit und Anteilnahme, Grund zur Festtagsstimmung und ansprechender Gestaltung. „O Seligkeit, getauft zu sein!“ – so wird es schon zu Friedrich Kaisers Zeiten durch den Kirchenraum von St. Viktor geklungen haben, auch wenn dessen Taufe, an einem ganz normalen Werktag (einem Mittwoch) drei Tage nach der Geburt, wenig festlich gestaltet gewesen sein dürfte. 

St. Viktor ist nicht nur die Taufkirche von Friedrich Kaiser. Hier in St. Viktor ging Kaiser zur Erstkommunion; eine der damals obligatorischen Erinnerungsurkunden, von Pfarrdechant Börste unterschrieben, hat sich bis heute erhalten. Hier in St. Viktor wurde Kaiser gefirmt. Hier in St. Viktor empfing er die Bischofsweihe. 

Bischofsweihe

Materiell noch greifbare Bezugspunkte zu Taufe und Erstkommunion sind im Inneren von St. Viktor der romanische Taufstein und das gotische Sakramentshäuschen. Doch in die Kirche hinein wollen wir heute nicht; auf eine Kirchenerkundung soll als „Joker“ bzw. Ersatzlösung zurückgegriffen werden, wenn unser „Spiritueller Stadtgang“ mal an einem Regentag ins Wasser fällt. Also begutachten wir im Außenbereich zwei anschauliche Erinnerungen an Firmung und Bischofsweihe. An den Tag der Bischofweihe 1963 erinnert eine Linde nahe der Sakristei. Es gibt ein Foto, auf dem der neugeweihte Bischof mit dem Münsteraner Diözesanbischof Joseph Höffner eben jenem knorrigen Baum vorbeischreitet. Ich zeige der Gruppe einen großformatigen Abzug jenes Bildes; der Baum wirkt merkwürdig unverändert. Als ich bemerke, wie fest der alte Baum zwischen Mauern und Fundamenten im Boden wurzelt, werde ich an einen Gedanken über „kostbare Erde“ des Provinzials der Herz-Jesu-Missionare erinnert. Dieser wandte sich in einer Ansprache nach der Weihe an Pfarrdechant Dümpelmann mit der Bemerkung, ganz bewusst hätten die Hiltruper Missionare Dülmen und damit die Viktor-Kirche als Ort der Bischofsweihe gewählt, um der Stadt zu danken, dass sie den Missionaren einen Bischof geschenkt habe sowie für die Unterstützung der Missionen in aller Welt durch Gebet und finanzielle Opfer. „Dülmen möge weiterhin kostbare Erde bleiben, die Missionare hervorbringt!“ – Dann lese ich noch das kleine Dankgebet vor, das Bischof Kaiser am Ende der Weiheliturgie gesprochen hat. 

Freitreppe zum Kirchplatz hin

An die Firmung Friedrich Kaisers über 40 Jahre zuvor erinnert – ebenfalls nur indirekt – die große Freitreppe, die vom Kirchplatz zur Marktstraße hinabführt. Inmitten des Krieges empfing Friedrich Kaiser durch Weihbischof Theodor Kappenberg (1848–1920) das Sakrament der Firmung. Am Sonntag, dem 14. Mai 1916, traf der Weihbischof, von der Firmung in Lette kommend, um 18.00 Uhr in Dülmen ein. „Der hohe Herr, der sich infolge des Krieges jede Empfangsfeierlichkeit verbeten hatte, entstieg an der großen Treppe zum Kirchhof seinem Wagen und wurde dann, begrüßt von vier weiß gekleideten Engelchen, von der hochwürdigen Geistlichkeit und einer großen Menschenmenge zur Kirche geleitet. Nach kurzem Gebete auf dem Chore bestieg der Herr Weihbischof die Kanzel, um eine Ansprache an die gläubige Schar zu richten.“ Nach der kirchlichen Feier wurde der Weihbischof von den Geistlichen der Pfarrei zur Dechanei an der Münsterstraße geleitet, wo er die Nacht verbringen sollte. 

Da die Firmfeiern in jener Zeit im Abstand mehrerer Jahre gehalten wurden, wurden jeweils mehrere Jahrgänge junger Leute gleichzeitig gefirmt, so auch 1916. Am Montagmorgen feierten alle 1.600 (!) Firmlinge um 8.00 Uhr eine heilige Messe, der dann die eigentliche Firmspendung folgte. Die ausgeklügelte Logistik war in der Tageszeitung mitgeteilt worden: „Die Schulknaben von Stadt und Land haben ihre Plätze an der Epistelseite am Mittelgang, die Jünglinge im Seitenschiff, die Gymnasiasten auf der Turmbühne, die Schulmädchen von Stadt und Land auf der Evangelienseite am Mittelgang, die älteren Mädchen in dem Seitenschiff.“ Nach dem Gottesdienst konnten die Mädchen die Kirche zunächst wieder verlassen, weil dann die Jungen gefirmt wurden. Danach kehrten sie in die Kirche zurück auf ihre alten Plätze, um gemeinsam mit den Jungen der Predigt des Bischofs beizuwohnen. Nach der Predigt verließen die Jungen die Kirche, und es begann die Firmung der Mädchen, die sich bis 11.30 Uhr hinzog.

Bericht in der Zeitung über das BilderbuchDie „Dülmener Zeitung“, die so ausführlich die kirchlichen Ereignisse in Dülmen beschrieb, hat bis heute ihren Sitz in der Marktstraße, unweit des Kirchplatzes, aber schon mehr in Richtung Marktplatz gelegen. Erst vor wenigen Tagen wurde die traditionsreiche Leuchtschrift „Horstmannsche Buchhandlung“ entfernt und durch einen weithin sichtbaren Schriftzug mit dem Titel der Zeitung ersetzt. Der Zufall will es, dass gerade heute die „DZ“ das baldige Erscheinen eines „Bilderbuchs für Jung und Alt“ ankündigt über Friedrich Kaiser. Wir studieren den Artikel im Zeitungsaushang hinter der Scheibe –  d.h. ich lese, damit sich nicht alle ihre Nase an der Scheibe plattdrücken müssen, der Gruppe den Artikel „Ein Bilderbuch für den Bischof“ vor.

Vor dem ehemaligen Sterbehaus der Emmerick

Wir verlassen die Marktstraße und begeben uns über den Eichgrün-Platz, vorbei an der Skulptur mit den drei Dülmener Wildpferden, in Richtung Tiberstraße. An der Ecke Tiberstraße / Borkener Straße befand sich bis 1945 das „Sterbehaus“ der Anna Katharina Emmerick. Heute hat hier die Haushaltswarenhandlung Homann ihren Sitz. Am Haus erinnert eine ältere Bronzetafel, auf dem Bürgersteig eine Aluminiumstele an die bedeutsame Stätte. In dem zur Emmerick-Seligsprechung 2004 erschienenen Buch „Spuren“ habe ich ein interessantes Bild aus dem Jahr 1924 entdeckt, das ich als Vergrößerung jetzt mit der Gruppe betrachte. Das Foto zeigt das Emmerick-Sterbehaus und die umgebenden Straßenabschnitte im prächtigen Schmuck von Fahnen, Birkengrün, Girlanden und Kränzen – nämlich anlässlich einer Festwoche, in der zugleich des 150. Geburtstages und des 100. Todestages der Emmerick gedacht wurde. Der damals 21jährige Friedrich Kaiser wird gewiss an den Feierlichkeiten teilgenommen und den besonderen Gedenkort in nächster Nähe zu seinem Elternhaus aufgesucht haben. Ohnehin war er ein Verehrer der künftigen Dülmener Seligen: Als er schon bald krankheitsbedingt das Noviziat des Ordens verlassen musste und einer ungewissen Zukunft entgegenbangte, hat er immer wieder das Grab von Anna Katharina Emmerick aufgesucht und sie um Fürsprache gebeten. 

Ich habe in Klarsichthüllen noch zwei weitere Fotoabzüge im Format DIN A 4, doch diese zeigen sogar Friedrich Kaiser höchstpersönlich. Um sie zu betrachten, gehen wir einige Schritte in die Tiberstraße in Richtung Südring hinein, bis wir vor der Reihenhaus-Wohnung Nr. 50 stehen. Denn an dieser Stelle sind die beiden Fotos aus Friedrich Kaisers früher Kindheit entstanden, die sich bis heute erhalten haben.

vor dem Wohnhaus

Das ältere Bild, im Hochformat, stammt schätzungsweise aus dem Jahre 1908. Es zeigt Wilhelmine Kaiser mit ihren beiden Söhnen Josef und Friedrich, die sie beide links und rechts an den Händen hält, vor dem Haus der Familie. Alle drei – Mutter und Söhne – tragen Holzschuhe, die Jungen knielange Hosen über Strumpfhosen bzw. Kniestrümpfen. Friedrich trägt als das jüngere Kind noch eine Art Kittelschürze, Josef bereits eine dunkle, vermutlich dunkelblaue Schildmütze, die ihn wohl als Schuljungen ausweist. Das Elternhaus Friedrich Kaisers gehörte zu den „kleinen, roten, niedrigen Backsteinhäusern“ und „wendet den Giebel nach der Straße“, wie es der dänische Reisende Johann Jörgensen (s. o.) beobachtet hatte, besaß allerdings im Erdgeschoss schon kein Tennentor mehr. Von der Giebelfassade war der erste Stock als Fachwerk konstruiert, ebenso die von der Straße weglaufenden Außenwände, die auf einen Hinterhausanbau zuliefen. Haus und Anbau grenzten an jenen von Jörgensen als markant empfundenen „Küchengarten“, der bei Kaisers zur Straße hin zwar nicht mit einem grün gestrichenen Lattenzaun, wohl aber mit einem Gitterzaun und Gartentor abgegrenzt wurde. Zumindest zur Straße hin war das Haus unterkellert; der Bürgersteig war mit größeren Platten ausgelegt, die eigentliche Straße war mit „Katzenköpfen“ befestigt und mit einem Rinnstein ausgestattet. (Direkt vor dem Gittertor befindet sich die eindrucksvolle Öffnung eines Gullys: Ab 1895 hatte in der Tiberstraße der moderne Kanalisationsbau in Dülmen begonnen, indem hier ein Zementrohrnetz angelegt worden war, das zunächst nur Regen- und Küchenabwässer, später auch die Aborte in Richtung Tiberbach entleerte.) 

FamilienfotoDas zweite Foto dürfte 1911 entstanden sein und wurde wohl im Garten der Familie Kaiser aufgenommen; dann wäre im Hintergrund die Bebauung der Straße Kötteröde zu erkennen. Es handelt sich um ein für jene Zeit typisches Familienbild: Die beiden Eltern blicken ernst und konzentriert, die Mutter etwas müde, in die Kamera, umgeben von den fünf Kindern (v.l.n.r.) Friedrich, Gertrud, Maria, Karl und Josef. Die ganze Familie, selbst die kleine Schwester, trägt für dieses „offizielle“ Foto keine Holz-, sondern Lederschuhe. Während die Brüder Friedrich Kaisers, insbesondere Josef, eine gewisse Heiterkeit an den Tag legen, blickt Friedrich, an der Seite seiner Mutter, auffallend ernst und beinahe skeptisch aus dem Bild – vielleicht schon ein Hinweis auf sein zielstrebiges und geradliniges Naturell, das er selbst einmal mit „Dülmener Dickkopf“ umschrieb.

Alwine Alfs

Nachdem die Gruppe die Bilder herumgereicht und betrachtet hat, läute ich an der Haustür von Nr. 48, an der Wohnung der Eheleute Karl Alfs und Alwine, geb. Pieper. Ich habe meinen Besuch bereits im Vorfeld angekündigt. Denn die Mutter von Alwine Alfs ist in der Tiberstraße aufgewachsen und war als junges Mädchen 1932 aktiv dabei, als anlässlich der Heimatprimiz von Friedrich Kaiser die ganze Nachbarschaft mit dem Schmuck der Strasse und der Bewirtung der Gäste befasst war. Damals entstand ein Erinnerungsfoto im Postkartenformat, und Frau Alfs gehört zu jenen Alteingesessenen, die noch immer einen Original-Abzug besitzen. Es zeigt den Neupriester mit ernster Miene und liturgischer Kleidung vor dem geschmückten Vorgarten seines Elternhauses – genauer: vor einem mit Blüten dekorierten Schmuckbogen mit dem Schriftzug „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ Merkwürdig: Der Vers stammt aus dem Lukas-Evangelium und ist ein Wort Jesu an Zachäus, dem Zöllner in Jericho. Dieser hatte Jesus bei seinem Einzug in die Stadt zunächst auf sicherem Platz von einem Baum herab beobachtet, bevor er dann von Jesus gerufen wurde und dieser ihm vorschlug, ihn bei sich zu Hause zu bewirten. 

Ich erinnere mich an eine Adventspredigt in St. Viktor, in der mein Vorgänger Hans Döink das Buch „Geduld mit Gott“ von  Tomáš Halík vorgestellt hat, in dem Zachäus eine Schlüsselfigur zum Verständnis vieler heutiger Menschen ist. Denn nicht wenige Zeitgenossen, so die These, beobachten bzw. beäugen das Christentum aus der Distanz, schauen dem Treiben um Jesus und seine Jünger abwartend-neugierig oder ratlos-kritisch zu – und warten nur (bewusst oder unbewusst) darauf, wahrgenommen und angesprochen, ernstgenommen und eingeladen zu werden. Jesus hat den Blick auf Zachäus gerichtet und damit auf alle, die sich „an den Rändern“ tummeln. Und die gab es zu allen Zeiten, sicherlich auch, als ganz Dülmen frohgestimmt auf den Beinen zu sein schien, weil Friedrich Kaiser seine „prima Missa“ (Primiz) feierte. Aber die Perspektive „an die Ränder“ – das war auch später in Peru sein Blickwinkel. Mir geht ein Vers durch den Kopf, Bestandteil eines künftigen Gedenkliedes auf Friedrich Kaiser:

„In Peru, hat er verstanden, / muss er ‚an die Ränder’ geh`n. / 
Deutlich klingt der ‚Ruf der Anden’: / Sehnsucht dringt von Bergeshöhn.“ 

Primizbild

Doch zurück zu unserer Kurzvisite bei Frau Alfs, die das Foto des Neupriesters Friedrich Kaisers schon in der Hand hält, als sie die Haustür öffnet und unsere Gruppe vom Treppenstein begrüßt. Sie erzählt ein wenig von dem, was sie über den denkwürdigen 21. August 1932 vom Hörensagen weiß – aber auch, dass ihre Mutter bis ins hohe Alter eine eifrige Verehrerin von Bischof Kaiser und eine aktive Unterstützerin der von ihm gegründeten Schwesterngemeinschaft im fernen Peru war.

Zwei weitere Fotos haben sich erhalten, die den Zug des Neupriesters zur Viktorkirche zeigen bzw. den geschmückten Wegverlauf erkennen lassen, aber auch die ehrwürdigen Vertreter des Kirchenvorstands mit Zylindern auf dem Kopf. Ich trage den entsprechenden Zeitungsartikel vom 23. August 1932 vor: „Die Pfarrgemeinde Dülmen hat durch die überaus große und rege Teilnahme sich selbst geehrt“, resümierte damals der Berichterstatter. „Herrlich war die ganze Feier. Vom Turm der Kirche wehten die Fahnen. Die Nachbarhäuser der Wohnung des Neupriesters hatten festlichen Schmuck angelegt. Das Straßenbild bekam ein gar prächtiges Aussehen durch die Anbringung schöner Triumph- und Ehrenbogen aus Tannengrün. Auch die Anwohner der Münsterstraße, des Bült und des Kirchplatzes, durch welche der Pater morgens von der Dechanei aus zur Kirche geleitet und nach dem Festhochamt zurückgebracht wurde, hatten ihre Häuser beflaggt. Eine große Zahl Gläubiger bildete in den Straßen Spalier.“

Wir gehen die Tiberstraße weiter und überqueren den Südring. Hier befand sich bis 1945 der Tiberturm, ein runder Backsteinturm, der nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurde. Ich erinnere mich an ein Gespräch im vergangenen Sommer im Kloster Herstelle mit Schwester Beata, geborene Magda Fahnhorst. Sie schilderte, wie sie am 22. März 1945 zusammen mit ihrem Vater in letzter Minute den sicher gewähnten Turm erreichte, ihnen dann aber der Einlass verwehrt wurde. So suchten sie woanders Deckung – und waren nicht mit den vielen anderen Schutzsuchenden im Tiberturm, als dieser einen Volltreffer erhielt ... – Leider fehlt heute jeder Hinweis auf das markante Bauwerk, etwa eine Markierung des alten Grundrisses oder eine Erläuterungstafel.

Wir lassen den Südring hinter uns und biegen nach links auf den Brokweg ab. Nach ein paar hundert Meter kreuzt der Brokweg die mit alten Bäumen bewachsene Geländezunge des „Vorparks“, der quasi der Zubringer zum sich anschließenden Wildpark ist.  „Seinen Schwestern beschreibt er das Münsterland stets als einen riesigen Park, wobei er die Borkenberge und den Wildpark des Herzogs von Croy immer herausgehoben hat“, so schilderte 1987 Schwester Willibrordis Bonefeld, eine Mitstreiterin und Weggefährtin Friedrich Kaisers in Peru, bei einem Besuch in Dülmen dessen Verbundenheit mit der Heimat.

vor dem Unternehmen "EPR"Unser Ziel am Brokweg und zugleich Schlusspunkt unseres heutigen Stadtganges ist das Gelände der Firma Hazemag, die bis heute das Kürzel EPR im Namen führt: „Eisenhütte Prinz Rudolph“. Nach der Erinnerung an die Primiz 1932 auf der Tiberstraße machen wir hier einen biographischen Schritt zurück – nämlich über 15 Jahre, ins Jahr 1917. Im letzten Kriegsjahr ging Friedrich Kaisers Schullaufbahn ihrem Ende entgegen. Friedrich wird von Zeitzeugen als aufgeweckter Junge geschildert, dem auch das Lernen nicht schwerfiel. Rektor Müller, Schulleiter der Josefschule, riet den Eltern dringend: „Sie müssen Ihren Sohn unbedingt etwas lernen lassen!“ Doch diese wussten nicht so recht, wie sie sich für ihren Sohn entscheiden sollten. Dem Vater gelang es, den Sohn nach der Schulentlassung 1917 „auf dem Kontor“ der genannten Eisenhütte unterzubringen. 

EPR

Nicht nur das EPR-Kürzel zeugt bis heute von einem gewissen Traditionsbewusstsein. Auch das Firmengelände insgesamt hält einige interessante Erinnerungen bereit. Da es aber mittlerweile fast 20.00 Uhr ist und der Hazemag-Betrieb längst Feierabend hat, können wir uns hier leider nicht kundig machen. Daher war ich einige Tage zuvor schon einmal hier, konnte mein Anliegen einer sehr interessierten Mitarbeiterin der Geschäftsführung schildern und wurde bereitwillig über Höfe und durch Hallen geführt. Die Firma ist ein weltweiter Marktführer für Zerkleinerungs- und Transporttechnologien in der Bergbau-, Zement- und Recyclingindustrie: eindruckvolle und gigantische Maschinerien und Beförderungssysteme werden hier gefertigt. Angefangen hat alles 1842 mit der Errichtung einer Industrieanlage zur Verhüttung und Weiterverarbeitung von sogenannten Rasenerzen. Aus dieser Zeit des Anfangs hat sich inmitten des Firmengeländes eine historische Fabrikationshalle erhalten, die gewiss zu den frühesten Industriedenkmälern im Münsterland zählt. Hoch aufgezogene Wandflächen aus grobem Sandstein, durchbrochen von klinkergesäumten Fensterlaibungen mit Rundbogen-Gusseisenfenstern – einfach eindruckvoll, und das nach 175 Jahren! Ich zeige der Gruppe eine historische Grafik der „Eisenhütten Prinz Rudolph“ aus der Vogelperspektive sowie einige großformatige Abzüge von Bildern, die vor wenigen Tagen entstanden sind. Als Fotokopie habe ich einen Briefbogen der „Abteilung Gießerei“ (in der z.B. Kochgeschirre, Wendeltreppen, Laternenpfähle, Mühlenteile oder Dachrinnen produziert wurden) dabei, auf dem Hüttendirektor Hans Quartier am 30. November 1918 ein Empfehlungsschreiben anlässlich der Entlassung von Friedrich Kaiser formulierte: „Herr Fritz Kaiser ist seit dem 21. Februar 1917 bis zum heutigen Tage als Lehrling auf unserem kaufmännischen Büro beschäftigt gewesen. Er hat die ihm übertragenen Arbeiten sehr gewissenhaft und treu ausgeführt, war zuverlässig, fleißig und pünktlich im Dienst und von allen Bürobeamten gut gelitten wegen seiner Dienstbereitschaft und Bescheidenheit.“ Der knappe Text endet mit der Versicherung, dass die „besten Wünsche“ ihn auf seinem künftigen Weg begleiten.

Spendensammlung

Die Zeit unseres Spirituellen Stadtgangs auf den Spuren von Friedrich Kaiser ist zu Ende. Einige Jugendliche lassen ein von mir mitgebrachtes üppiges Sparschwein herumgehen, in dem abschließend Spenden für die von Bischof Kaiser ins Leben gerufenen Schwesterngemeinschaft der „Misioneras de Jesus Verbo et Victima“ (Missionarinnen vom lehrenden und sühnenden Jesus) gesammelt werden. Doch bis diese gegründet wurden, war ein weiter Weg – ein langer Lebensweg, der Friedrich Kaiser aus Dülmen wegführen sollte, zunächst nach Hiltrup, später nach Peru. Eine erste Etappe bzw. erste Stationen dieses Dülmener Wegabschnittes ist der (noch) kleine Kreis der Friedrich-Kaiser-Verehrer heute gegangen, weitere könnten folgen – verbunden mit dem Gruß des Dümener Hüttendirektors vor 100 Jahren: “Unsere besten Wünsche begleiten ihn auf diesem Wege.“

 

Bildnachweis:
historische Postkarte "Kirchplatz St. Viktor": Sammlung Markus Trautmann; Bischofsweihe: Hildegard Lemmen; Familienfotos: Privatarchiv Helma Freese

Ruf aus den Anden

Ja, hier ist Hunger nach Gott. Darum der Ruf, der Schrei aus den Bergen – der Schrei nach einem Priester.