Auf den Spuren von Friedrich Kaiser

Oder: Eine Reise in die Vergangenheit / Teil IV

Heute: Kleve / Reisebericht von Markus Trautmann

Pfingsten in St. ViktorGerade durfte ich in St. Viktor einen Festgottesdienst mit Weihrauch, Fahnen und kraftvollen Gesängen feiern – und schon wartet wieder die Tristesse. Der Dülmener Bahnsteig ist menschenleer, am Pfingstsonntag in der Mittagszeit. Die Sonne sticht wie im Hochsommer, am Horizont flimmern die Gleise. Heute soll es nach Kleve gehen: Auch dieser Ort am Niederrhein ist eine Station auf dem Lebensweg Friedrich Kaisers. 

Nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hat, stelle ich mich ans Fenster des Fahrradabteils und suche die Landschaft in Richtung Stadt ab. Für nur wenige Sekunden erfasse ich jenen Blick auf die Kreuzkirche, den rd. 80 Jahre zuvor Kaiser selbst in einem Brief an auswärts lebende Verwandte beschrieben hat. „Und sonst: Im Westen nichts Neues!“, so die lakonische Formulierung vom 28. Oktober 1937. „Die Kirche in Dülmen ist bis zum Dach gediehen, wie ich öfters von der Strecke Dülmen-Recklinghausen aus sehe. Wenn man kurz vor Wewerink ist, sieht man den Bau sehr gut. Zu Pfingsten etwa soll sie fertig sein.“

NiederrheinHeute ist Pfingsten. Die Lesung der Pfingstliturgie des Vorabends sprach von der babylonischen Sprachverwirrung. Dagegen betonen die Texte vom Sonntag, etwa in der Laudes, deren Überwindung: „In vielen Sprachen verkünden die Apostel Gottes große Taten.“ Und: Gott heiligt seine Kirche „in allen Völkern und Nationen.“ Wie auch immer – ob babylonische Sprachverwirrung oder Eintracht im selben Geist: Zwischen Haltern und Marl verlässt der Bahnreisende die behagliche Überschaubarkeit der münsterländischen Parklandschaft und taucht ein in die mulikulturelle und damit vielsprachige Welt des Ruhrgebiets. Die Menschen, die hier zu- und bald schon wieder aussteigen, die vielen Wartenden an den Bahnsteigen (völlig anders als eben noch in Dülmen), ihr Sprechen und Gestikulieren, die fremden Klänge und exotischen Wortfetzen aus dem Smartphone: irritierend und faszinierend zugleich. Doch zwischen Krefeld und Kempen wird man wieder ausgespuckt aus diesem sozialen Schmelztiegel, fährt durch das maiengrüne weite niederrheinische Land Richtung Holland, durch Wiesen und Felder.  

St. AntoniusErst jetzt nehme ich überraschend wahr, dass der Himmel leicht verhangen ist, und es hat angefangen zu nieseln, als ich in Bedburg-Hau den Zug verlasse. Doch es ist nach wie vor schwül. Ich schwinge mich aufs Rad und radle Richtung Hau. Ziel ist die eindrucksvolle „Neue Kirche“ St. Antonius, die erst 1988 eingeweiht wurde: ein Zentralbau aus Backstein, mit einer von Holz- und Stahlstreben gehaltenen lichtdurchfluteten Dachkonstruktion. (Geschaffen von jenem Architekten Dieter Baumewerd, der Ende der 1960er Jahre in Dülmen die markante Faltdecke in St. Viktor konzipierte sowie die heute schon wieder beseitigten nach außen gestülpten Windfänge an den Eingängen der Kirche.) Vorbei an einer lebensgroßen bronzenen Skulptur des Mönchsvaters Antonius mit eindrucksvollem Schweinchen zu seinen Füßen, suche ich eine geöffnete Tür. Ich  betrete einen kleinen mit Schmuckgitter abgetrennten Bereich, der zwar den weiteren Eintritt in die Kirche verwehrt, dennoch zum Verweilen und zum Gebet einlädt. Anlässlich des Pfingstfestes liegt ein kleines Textblatt mit einem „Gebet um den Heiligen Geist“ zum Gebrauch und zur Mitnahme aus. 

Was hat dieser Kirchenraum mit Friedrich Kaiser zu tun? Direkt eigentlich gar nichts, doch gibt es da eine kleine Besonderheit: In die Kirchenwand eingefügt wurde der ehemalige Grundstein des einstigen Klosters Freudenberg. Ich denke an einen Vers aus dem Mittagsgebet des heutigen Tages im Stundenbuch: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden“, so heißt es im Psalm 118. „Lapis Primarius A.D. 1935 – Grundstein der Kapelle vom Kloster Freudenberg“, lautet die Inschrift. Ein Stein bekam eine neue Bedeutung, ist nicht länger Grundstein, sondern wurde Teil der Kirchenmauer. Vor einigen Jahren formulierte der damalige Pfarrer von Hau in einem Beitrag der „Rheinischen Post“ eine Deutung: „Altes hat sich in Neues eingefügt, und er ist doch derselbe geblieben.“ Das sollte auch für den Glauben gelten: eigentlich schon viele tausend Jahre alt, müsse sich der Glaube in jeder Zeit neu als lebendig erweisen, ohne sich zu verformen, ohne als antiquiert abgeschrieben zu werden. „Das bleibt die Aufgabe von uns lebendigen Steinen einer Kirche.“

Haus FreudenbergKloster Freudenberg: Hier hat auch Friedrich Kaiser eine Zeitlang verbracht. Nachdem er 1926/27 sein Noviziat (ein zweites Mal) in Vussem in der Voreifel absolviert hatte, konnte er im Herbst 1927 für zwei Jahre zum philosophischen Studium nach Kleve gehen. Hier war gerade erst ein Studien- und Exerzitienhaus der Hiltruper Missionare eröffnet worden, das bis 1969 bestand. Zunächst hatten die Ordensmänner die Gebäude des aufgegebenen „Hotel Thunert“ bezogen, diese aber ab Mitte der 1930er Jahre großzügig erweitert. 

Das frühere Klosterareal der Herz-Jesu-Missionare befindet sich rd. zwei Kilometer von der Antoniuskirche Hau entfernt, im Waldgebiet „Sternbusch“, schon zu Kleve gehörend. 1986 erfolgte der restlose Abriss des weiträumigen Gebäudekomplexes mitsamt der schon erwähnten Kirche. Nur ein Gedenkkreuz, Rest einer weitläufigen Kreuzweganlage, soll sich irgendwo noch im Wald befinden – und das möchte ich suchen. 

Haus FreudenbergAls Nachfolgenutzung des Klostergeländes wurde vor rd. 50 Jahren durch den Kreis Kleve die große Behinderteneinrichtung „Haus Freudenberg“ geschaffen, die hier und an vielen Außenstellen im Kreisgebiet segensreich wirkt.  Ich radle an der Baustelle des fast fertiggestellten „Sternbuschbads“ vorbei und erreiche das umzäunte Gelände von „Haus Freudenberg“ mit seinen vielen Gebäuden, in denen berufliche Rehabilitations- und Fördermaßnahmen für Menschen mit Behinderung vorgehalten werden. Alles wirkt feiertäglich verlassen. Ein jüngerer Mann, geistig behindert, unternimmt relativ mühsam zusammen mit einer Begleiterin, vielleicht seine Schwester oder Betreuerin, einen Spaziergang. Ich spreche sie an und frage nach dem steinernen Gedenkkreuz, das mir von einem Foto her als sehr  eindrucksvoll vor Augen steht. Die Frau weiß nur vage von der Klostergeschichte hier. Ich überreiche ihr einen Flyer über Friedrich Kaiser, dem jungen Mann das „Bilderbuch für Jung und Alt“. Er betrachtet es kurz und entscheidet, dass er es seiner Mama schenken wird. 

HinweisschildEin paar Schritte weiter kommt mir ein Paar, mittleren Alters, mit einem Hund entgegen. Beide verstehen, was ich suche, waren selbst aber lange nicht mehr an dem Kreuz. Jedenfalls, so erfahre ich, soll sich das Gedenkkreuz nicht innerhalb, sondern außerhalb des Einrichtungsgeländes befinden. Ich bin erleichtert, denn heute ist ja rund um „Haus Freudenberg“ alles geschlossen und nicht zugänglich. Es entspinnt sich ein kleiner Disput zwischen den beiden, welchen Weg durch das Waldgebiet ich einnehmen müsse. Die Behauptung des Mannes, auf der von seiner Frau empfohlenen Strecke käme ich mit meinem Fahrrad überhaupt nicht durch, provoziert mich, ihrer Empfehlung zu folgen. Ich biege vom Fahrweg in einen Fußweg durchs Gehölz ein. Ein improvisiertes Schild, laminiertes Papier an einem Holzpflock, zeigt irgendwann einen Abzweig „zum Gedenkkreuz“ an; der Weg wird zum Trampelpfad, führt über Laub und unter mächtigen Buchen und Ahornbäumen her, durch ein Dickicht von Brombeergestrüpp, Farnkraut und Brennnesseln, entlang der Einzäunung der Behinderteneinrichtung.  

KreuzSchließlich gelange ich an eine kleine Waldlichtung, oberhalb eines steilen Abhangs. Hier erhebt sich majestätisch und doch melancholisch verlassen das gesuchte Steinkreuz empor: Der lebensgroße Corpus wurde schon vor Jahren das Opfer eines sinnlosen Vandalismus. Das kahle Kreuz (Höhe ca. 3 m) wächst aus einer massiven steinernen Kugel heraus (Durchmesser ca. 1,70 m), darunter ein quadratisches Stufenpodest. Ein Schriftband umzieht die Steinkugel: „DURCH DEIN HEILIGES KREUZ HAST DU DIE WELT ERLÖST“. Eine kleine Tafel trägt die knappe (und nicht ganz korrekte) Inschrift: „ZUR ERINNERUNG AN DAS KLOSTER FREUDENBERG 1927-1972“.

PfarrbriefErst in der Weihnachtsausgabe der Kirchengemeinde Bedburg-Hau war auf „das (fast) vergessene Kreuz am Freudenberg“ hingewiesen und für einen Besuch  geworben worden: „Es ist schön und beruhigend, nach einer kleinen Wanderung in Gottes freier Natur dort innezuhalten und vielleicht in einem kurzen Gebet dem Herrn für die Schönheit seiner Schöpfung zu danken.“ Das will ich tun, hole das kleine Gebetsblatt aus der Antoniuskirche Hau hervor und singe leise den dort abgedruckten Hymnus zum Heiligen Geist: „Entflamme Sinne und Gemüt, / dass Liebe unser Herz durchglüht / und unser schwaches Fleisch und Blut / in deiner Kraft das Gute tut.“ 

„Sinne und Gemüt“, so weiß der alte Hymnus, können erlöschen. Vom „Burnout“ spricht man heute. Auch ein Friedrich Kaiser muss Derartiges gekannt haben. Und wohl kaum hätte er in einem zweiten Anlauf sein Noviziat hinter sich gebracht und dann sein philosophisches Studium in Kleve angetreten, hätte er sich nicht professionelle Hilfe oder zumindest Beratung geholt –nämlich wiederum in Kleve. Genauer: bei Sanitätsrat Dr. Wilhelm Bergmann.

Burg Ranzow Die Regenwolken sind längst weg. Ich radle vom „Sternbusch“ aus knapp vier Kilometer nach Kleve-Materborn. Hier liegt unweit der Pfarrkirche St. Anna das frühere Herrenhaus „Burg Ranzow“. Durch einen weitläufigen Park, vorbei an einigen plaudernden älteren Damen auf einer Bank, erreiche ich den gläsernen Eingangsbereich der gepflegten Seniorenresidenz. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich hier die Kölner Schwesterngemeinschaft der Cellitinnen niedergelassen, um in einer Art Sozialstation Dienste der ambulanten Krankenpflege bzw. der Alten- und Kinderbetreuung vorzuhalten sowie Haushaltungs- und Handarbeitskurse anzubieten. Der barocke Bau mit einem markanten achteckigen Türmchen wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach umgebaut und erweitert. Anfang der 1920er Jahre gewann das Haus mehr und mehr den Charakter eines Sanatoriums, der schon erwähnte Dr. Bergmann wurde ärztlicher Direktor. Bergmann, der sich auch „Chefarzt für Nervenleiden“ nannte, war ein origineller Mensch und innovativer Psychotherapeut: Als junger Arzt hatte er bei dem berühmten Pfarrer Sebastian Kneipp in Wörrishofen assistiert und war ab den 1890er Jahren mit Wasserkuren in „Bad Cleve“ erfolgreich. Mit seinem „ganzheitlichen Ansatz“ kümmerte sich Bergmann um Menschen mit psychischen Befindlichkeitsstörungen, also Depressionen oder Erschöpfungszuständen; nebenbei publizierte er zahlreiche Aufsätze und Vorträge zum Thema „Religion und Seelenleiden“. Auch Geistliche und Ordensleute, sogar Bischöfe wussten das damals populäre Naturheilverfahren zu schätzen – und so erhielt auch Friedrich Kaiser den entscheidenden Tipp. 

Friedrich Kaiser hatte im Frühsommer 1925 sein Noviziat auf Schloss Westerholt fast abgeschlossen, doch „vor Ende des Noviziatsjahres erkrankte ich. Der Arzt entschied: Aussetzen. Wenigstens für ein Jahr. Meine Vorgesetzten ließen klar erkennen, dass sie den kranken Mann nicht wieder aufnehmen möchten. Ich kehrte in meine Familie zurück. – Die Zukunft war finster, die Hoffnung auf dem Gefrierpunkt. Und dennoch wollte ich Priester werden.“ Wieder denke ich an die Terz, das Mittagsgebet vom Pfingsttag: „In der Bedrängnis rief ich zum Herrn.“ Und: „Ach, Herr, bring doch Hilfe! Ach, Herr, gib doch Gelingen!“

An der Rezeption im Eingangsbereich von „Burg Ranzow“ sitzt eine alte Dame, offenbar eine Hausbewohnerin. Sie beugt sich über eine äußerst filigrane Stickerei. Ich frage nach einer Schwester. Ich weiß, dass die Cellitinnen vor einigen Jahren abgezogen wurden, nun sind vier indische Karmelitinnen hier im Haus. Die Dame erklärt, dass die Schwestern gerade zum Gebet in der Hauskapelle versammelt seien, der Eingang zur Kapelle sei direkt hier im Flur. Erst jetzt nehme ich wahr, dass der Fußboden mit wunderschönen historischen Zementmosaikplatten ausgelegt ist, wie es sie früher häufig in Klöstern oder öffentlichen Gebäuden gab. Das ganze Haus, sehr gepflegt eingerichtet, atmet ein historisches Ambiente, man fühlt sich tatsächlich in die Zwischenkriegszeit zurückversetzt. 

KaffeeIn der Hauskapelle sind drei Schwestern versammelt und haben offenbar soeben die Vesper beendet. Eine Ordensfrau, Schwester Georgia, kommt auf mich zu und begrüßt mich freundlich. Ich erkläre ihr in knappen Zügen, wer ich bin und was mich hierher treibt. Sie lädt mich ein, erst einmal einen Kaffee zu trinken, und ich folge ihr durch einen Flurbereich. An den Wänden hängen großformatige Abzüge historischer Schwarzweiß-Fotografien, die Szenen aus dem Leben auf Burg Ranzow seit dem Ersten Weltkrieg festhalten. Gern würde ich hier verweilen, doch Schwester Georgia erklärt, dass ich diese Bilder auch in einem Prospekt des Hauses finden könne. Durch das Erdgeschoss des Barockturms gelangen wir in einen Speiseraum. Da es schon nach 17.00 Uhr ist, wird gerade abgeräumt, doch die beiden diensthabenden Damen, Frau Reintjes und Frau Jansen, bringen wieselflink noch Kaffee und zwei köstliche Stücke Erdbeerkuchen herbei.
Währenddessen hat Schwester Georgia einige Prospekte und die Festschrift „100 Jahre Cellitinnen zur hl. Maria auf Burg Ranzow“ aus dem Jahre 2014 herbeigeschafft, die sie mir überlässt. Das „Burgcafé“ hat etwas Herrschaftliches: einen gepflegten Parkettboden, prachtvolle Vertiko-Schränke, historische Kronleuchter, Ölgemälde an den Wänden und Stuckleisten an der Decke. Wir unterhalten uns über die Einrichtung; nach dem Verzehr von Kaffee und Kuchen lädt mich Schwester Georgia zu einer Führung ein. 

SpeisesaalWieder bewundere ich die Fußböden, die stuckverzierten Decken oder die schmiedeeisernen Treppengeländer aus alter Zeit. Die Einrichtung „Burg Ranzow“, übrigens noch immer in Trägerschaft der Cellitinnen, bietet Betreutes Wohnen (für gehobene Ansprüche) sowie die Unterbringung zur Voll- oder Kurzzeitpflege an. Zuletzt kam ein eigenes Gebäude für Demenzerkrankte hinzu. Schwester Georgia führt mich bereitwillig in alle möglichen Gebäudeflügel, Flure und Etagen sowie durch die weiträumige Gartenanlage, die das Gebäudeensemble umgibt. Der Wohnbereich für die Demenzkranken liegt inmitten blühender Rabatten, ist aber durch einen Zaun eingefasst. Schwester Georgia wirkt als Einrichtungsseelsorgerin, auch mit den Bewohnerinnen von „Haus Monika“ ist sie sehr vertraut und geht herzlich mit allen um. Auch hier gibt es eine kleine Hauskapelle, wo regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Schwester Georgia und ich singen gemeinsam ein Pfingstlied und gehen dann ins Hauptgebäude zurück. 

AltarWir verabschieden uns. Ich ziehe mich in die Hauskapelle zurück, um jetzt auch die Vesper zu beten. Die Kapelle mit neobarocken Anklängen wurde 1926 eingeweiht, war aber schon im Bau, als Friedrich Kaiser hier als Gast logierte. Eine große holzgeschnitzte Herz-Jesu-Figur steht seitlich des Altarraums, ihr gegenüber eine Marienfigur. Das holzgeschnitzte Altarrelief zeigt den „Gnadenstuhl“: Gottvater auf dem Thron hält den gekreuzigten Sohn in die Welt hinein. Das Herz Jesu am Kreuz wird später einmal zentrales Motiv des Bischofswappens von Friedrich Kaiser sein. Daran muss ich gerade denken, als mir ein Stapel Gebetszettel in den Blick kommt, schon zum zweiten Mal heute Nachmittag. Doch diesmal enthalten die Kärtchen keinen Geist-Hymnus, sondern ein Gebet um die Seligsprechung der Gründerin der „Theresianischen Karmelitinnen“ im indischen Bundesstaat Kerala, Mutter Eliswa (1831-1913). „Demütig flehe ich zu dir, die Dienerin Gottes, Mutter Eliswa, im Himmel und auf Erden mit deinem Glanz auszuzeichnen“, so lese ich im Gebetstext. „Du hast sie berufen, in inniger Nähe mit dir zu leben und deine Barmherzigkeit durch ihr Wesen und Wirken sichtbar zu machen: befreiende Liebe und Sorge für die Menschen, besonders für die Frauen.“ GebetsblattIm weiteren Verlauf des Gebetes wird mir bewusst, wie klar diese Kandidatin einer Seligsprechung nicht nur als „Vorbild“ bemüht, sondern wirklich als Fürsprecherin „ins Gebet genommen“ wird: „Möge deine Dienerin, Mutter Eliswa, im Einklang mit deinem heiligen Willen selig gesprochen werden, und durch ihre Fürsprache gewähre mir die Gunst ...“ – hier kann der Beter das Gebet persönlich vervollständigen. Ich lege einige Gebetsblätter „in eigener Sache“ daneben: Ernst, aber einträchtig blicken nun Bischof Kaiser, Ordensgründer in Peru, und Mutter Eliswa, Ordensgründerin in Indien, in die Kapelle. 

KerzeDie alte Dame an der Rezeption stickt immer noch. Ich frage nach Postkarten vom Haus. Nach längerem Suchen in einer Kommode bekomme ich zwei Schwarzweiß-Ansichtskarten aus den 1950er Jahren ausgehändigt. Es seien die beiden letzten Exemplare, versichert mir die Dame: Die eine Karte zeigt das Innere der Hauskapelle, die andere den Speiseraum. Da sie über den Verkaufspreis unschlüssig ist, erwerbe ich noch zwei bedruckte Stumpenkerzen, auf denen „Burg Ranzow“ dargestellt ist, und runde die Summe auf. Am Schriftenstand nehme ich mir den aktuellen Materborner Pfarrbrief und das neueste Mitteilungsheft von „Haus Freudenberg“ mit. 

Bahnhof "Cleve"Es ist Abend geworden, die drückende Hitze hat nachgelassen. Ich radle zur Materborner Allee und weiter in Richtung Klever Innenstadt, lasse mich die „Hohe Straße“ hinunter in die Unterstadt treiben. Hier hat sich in den letzten Jahren die Hafengegend zu einer wirklich attraktiven Flaniermeile mit schönen Sitz- und Einkehrgelegenheiten gemausert, nicht zuletzt belebt durch die Studierenden hier. Ich bestelle auf einer Außenterrasse eines „Szene-Lokals“ einen Flammkuchen und ein Radler. Jetzt habe ich Zeit, die vielen ergatterten Broschüren zu studieren und meine gesammelten Informationen zu vertiefen.

Gegen 20.00 Uhr bin ich am Bahnhof. Der Zug fährt zwar erst um 20.29 Uhr, wartet aber bereits am Bahnsteig neben dem historischen Bahnhofsgebäude. Dieses wurde erst jüngst durch den Anbau eines modernen Bistrobereichs aufgewertet. Auch wenn „Kleve“ seit 1935 nicht mehr als „Cleve“ geschrieben wird: Am Bahnhofsgebäude prangt doch tatsächlich noch immer die historische Fassung! Ich wuchte mein Rad in den Zug und nehme Platz. 

DokumentJetzt und ganz bewusst erst jetzt lese ich ein weiteres Schriftstück – aber keine Broschüre, keinen Flyer. Es ist die Fotokopie eines Gutachtens, das Sanitätsrat Dr. Bergmann am 17. September 1925 auf einem Blatt Papier in schwungvoller Handschrift über rd. 20 Zeilen verfasst hat, und in dem er eingangs konstatiert, „der junge Fr. Kaiser hat sich in Cleve recht erholt.“ Das Schriftstück ist an den Provinzial der Herz-Jesu-Missionare in Hiltrup gerichtet. Sollte Friedrich Kaiser den Brief bei seiner Rückreise persönlich bei sich getragen haben, so hat er höchstwahrscheinlich den Inhalt nicht gekannt. Des Arztes Resümee aber ist positiv: „Seine Beschwerden sind nicht alle fort, aber doch ganz erheblich gebessert. Seine Dickköpfigkeit hat wohl sicher eine nervöse Unterlage. Er ist hier viel zugänglicher und nachgiebiger geworden. Solche Naturen muss man zu biegen, aber nicht zu brechen suchen. Versteht man das, dann sind es später oft die brauchbarsten Menschen, da ihr starker geübter Wille Außerordentliches leistet.“ Jahrzehnte später, am Tage seiner Bischofsweihe in Dülmen, wird Kaiser scherzen: „Ein Dülmener Dickkopf gibt nicht auf!“ 

Vielleicht nicht derart ausgelassen, aber mit Sicherheit erleichtert wird Friedrich Kaiser den Zug in Kleve bestiegen haben. Der Arzt hatte eine weitere Erholung angeordnet, die Kaiser in Dülmen finden würde. „Alles hängt endlich von dem Resultat ab, das er dort noch weiter gewinnt.“ Mein  Zug setzt sich in Bewegung. Ein weiteres Mal erinnere ich mich jetzt an den Psalm aus dem heutigen Mittagsgebet, und vielleicht hat auch Friedrich Kaiser seinerzeit bei der Abfahrt des Zuges so empfunden: „Der Herr hat mich hart gezüchtigt, doch er hat mich nicht dem Tod übergeben.“

 

Bildnachweis v.o.n.u.:
Pfingsten in St. Viktor: Kirchengemeinde St. Viktor · Niederrhein: pixabay.com#falco · St. Johannes außen: Heinz-Gert Kitzinger, Rees · Haus Freudenberg: Gemeindearchiv Bedburg-Hau, Fotosammlung · Historisches Foto Freudenberg: Bistumsarchiv Münster · Kreuz: Heinz-Gert Kitzinger, Rees · Pfarrbrief: Hl. Johannes der Täufer Bedburg-Hau · Burg Ranzow: Von MiraculixHB - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15401753 · im Speisesaal: Heinz-Gert Kitzinger, Rees · Historische Aufnahme Speiseraum: Sammlung Markus Trautmann · Gebetsblatt und Kerze: privat · Bahnhof Kleve: Heinz-Gert Kitzinger, Rees · Dokument: privat 

 

 

 

 

 

 

 

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