Auf den Spuren von Friedrich Kaiser

Oder: Eine Reise in die Vergangenheit / Teil VII

Heute: Dülmen II / Reisebericht von Markus Trautmann

Vorm BurgtorMeine siebente und letzte Tour auf den Spuren Friedrich Kaisers soll noch einmal, wie ganz am Anfang, ein Fußmarsch durch Dülmen sein. Die erste Tour hatte vom Kirchplatz über die Marktstraße und die Tiberstraße zum Brokweg und zur Eisenhütte Prinz Rudolf geführt. Jetzt soll noch einmal das Umland außerhalb der alten Stadtbegrenzung erkundet werden – bei einem abendlichen Spaziergang im Sommer. Ich verlasse die Innenstadt über die Halterner Straße und begebe mich bis zur Abzweigung des Mühlenwegs, von dem wiederum nach wenigen Schritten die Straße „Vorm Burgtor“ abzweigt. Auf diese Weise ist der schlichte Bildstock aus Sandstein unter alten Eichen von drei Seiten von Straßen umgeben und kann von vielen Passanten in den Blick genommen werden – doch dürfen ihn in dem tagtäglichen Getriebe des Verkehrs nur wenige Menschen wirklich wahrnehmen oder gar hier innehalten. 

BildstockSeit jeher ist diese Stelle dieses Bildstocks der Punkt, an dem die neuen Pfarrer von St. Viktor begrüßt und „eingeholt“ wurden. In einer Nische sehen wir die Gottesmutter Maria, die ihren Mantel schützend über die Dächer und Häuser von Dülmen breitet. Wir erkennen den Nonnenturm und den Lorenkenturm (oder ist der im Krieg zerstörte Tiberturm ganz in der Nähe von Friedrich Kaisers Elternhaus gemeint?) sowie, genau in der Mitte unterhalb der Muttergottes, die markante Silhouette des Lüdinghauser Tors. Hier hätte der Steinmetz, wäre der Bildstock vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, den kleinen Fritz Kaiser verewigen können, der jeden Morgen über die Lüdinghauser Straße zur Josefschule marschierte, die ungefähr hinter der heutigen Post lag. Aber der jetzige Bildstock ist ja gar nicht so alt, ist schon das „Nachfolgemodell“ eines früheren. Auf der Rückseite lässt sich eine schon stark verwitterte Inschrift entziffern: „Zerstört 1945 / Wiedererrichtet 1950“

Als dieser Bildstock und ganz Dülmen 1945 zerstört wurde, war Friedrich Kaiser schon einige Jahre im fernen Südamerika. Erst kürzlich wurde ich durch den Vorsitzenden des Dülmener Heimatvereins, Erik Potthoff, auf einen über 30 Jahre alten Brief aufmerksam gemacht, den Bischof Kaiser am 15. Oktober 1986 an den Heimatverein adressiert hatte, in dem sich einige interessante Hinweise finden, wie Kaiser Krieg und Zerstörung Dülmens wahrgenommen hat. Ich krame eine Fotokopie dieses Briefes hervor, die bereits für eine noch nicht stattgefundene Gruppenführung angefertigt ist, denn das Original ist auf hauchdünnem und empfindlichem Durchschlagpapier geschrieben. Ich lasse Kaiser selbst zu Wort kommen: „Im März 1939 reiste ich aus nach Peru. Fünf Monate später brach der Krieg aus. Damit waren wir von aller Verbindung mit der Heimat abgeschnitten. In der Zeitung von Lima erschien täglich der Heeresbericht sowohl der Deutschen wie der Alliierten. So konnten wir die Kriegsgeschehnisse ganz gut verfolgen.“ 

In jenem Jahr, als unser Bildstock in neuer Fassung wiedererstand, besuchte Friedrich Kaiser erstmals seine Heimat. „Im Januar 1950 machte ich einen ersten Besuch in der Heimat. Ich sah, dass der Stadtkern von Dülmen tatsächlich nicht mehr existierte. Aber alles war aufs Beste aufgeräumt und sauber, manches Haus stand schon wieder, und Ansätze des Wiederaufbaus gab es überall. Ich konnte feststellen, wo ungefähr mein Elternhaus gestanden hatte. Die Trümmer der St. Viktorkirche machten mir einen trostlosen Eindruck; dazu war es ein regnerischer Tag. Ich ging hinein und stand einen Augenblick. Da bröckelte aus den hohen Gewölberesten Gestein herab. Ich zog mich zurück.“

BriefUnd weiter: „Erstaunlich war für mich der allgemeine und zähe Wille zum Wiederaufbau. Ich kam an einer Baustelle vorbei. Kinder von sechs oder sieben Jahren schleppten ernst und schweigend den Maurern Backstein um Backstein zu. Einer der Maurer sagte mir: ‚So arbeiten die Kleinen stundenlang und leisten uns eine wirkliche Hilfe.’ Ich erfuhr, dass viele Arbeiter täglich mehr als sechzehn Stunden tätig waren. Und nicht wenige Damen, die sich noch nie die Hände schmutzig gemacht hatten, pickten die Ziegelsteine ihres zerbombten Hauses ab.“

Schließlich: „Als ich nach Peru zurückkam, fragte mich der damalige Kardinal Guevara, wie es in meiner Heimat aussähe. Ich sagte ihm, es gehe sehr schnell wieder aufwärts, allüberall. Er wunderte sich: ‚Wie ist das zu erklären nach soviel Verwüstung?’ Ich antwortete ihm: ‚Ich habe das ganze Volk im Fieber angetroffen; ein wahres Arbeitsfieber hat alle gepackt, Männer wie Frauen, groß und klein.’ Er nickte mit dem Kopf und sagte: ‚So sind die Deutschen.’“

Ich verstaue die Kopie dieser ideellen Kostbarkeit wieder und kehre zurück in die Gegenwart. Auf der Halterner Straße fließt nur noch wenig Verkehr, die „Rushhour“ zum Feierabend ist längst vorbei. Ich bete den auf der Vorderseite des Bildstocks eingemeißelten Gebetstext „Maria, breit den Mantel aus“ und freue mich, dass just in diesem Augenblick die Glocken von St. Viktor das Angelus-Geläut anstimmen. 

Dann gehe ich die Straße „Vorm Burgtor“ weiter stadtauswärts. Mein Weg läuft geradewegs, nachdem ich den Kapellenweg überquert habe, auf den alten „Mühlenwegfriedhof“ zu. Selbst viele Dülmener wissen nicht auf Anhieb, welches Gelände im Stadtgebiet zwischen Halterner Straße und Mühlenweg mit dieser Bezeichnung gemeint ist – zumal das Areal fast ganz von Wohnbebauung umgeben ist und ein eher unscheinbares Dasein fristet. Dieser ehemalige Begräbnisplatz wurde 1900 in Dienst genommen und war – nach dem Kirchplatz von St. Viktor und dem „Emmerick-Friedhof“ an der Lüdinghauser Straße – der dritte Dülmener katholische Friedhof, bevor dann im November 1928 der heutige „Waldfriedhof“ eröffnet wurde. 

Auf dem Mühlenwegfriedhof wurde im September 1928 auch die Mutter von Friedrich Kaiser, Maria (geb. Depel, 1872-1928), begraben. Knapp vier Jahre später gedachte Kaiser seiner Mutter, indem er auf sein Primizbild den Gebetsvers „Heiligstes Herz Jesu, ich vertraue auf dich“ drucken ließ mit dem Zusatz: „Letztes Gebet meiner Mutter“. Deren Grabstätte ist längst aufgegeben, wie die allermeisten Gräber hier. Als ich vor Jahren nach Dülmen kam, fanden sich auf der parkähnlichen Rasenfläche noch manche vereinzelte „Grabinseln“, von Angehörigen und Nachkommen noch immer gepflegt. Inzwischen sind auch diese fast komplett verschwunden, nur auf den Randstreifen sind noch eine Handvoll Familiengräber erhalten. Da ist etwa die wuchtige, aus schwarzem Marmor geschaffene Gruftstätte von Kirschner, jener Dülmener Bauunternehmensdynastie, in deren Diensten auch Josef Kaiser, Friedrich Kaisers Vater, in der Sägenschleiferei arbeitete. In derselben Reihe entdecke ich die Familiengräber der Dülmener Ehrenbürger Dr. Ludwig Wiesmann („Geheimer Sanitätsrat“, 1841-1931) sowie August Schlüter („Justizrat“, 1825-1908) – beide wie Bischof Kaiser bis heute Namengeber von Dülmener Straßen. 

KreuzigungshügelEtwas abseits von den honorigen Grabmälern tummeln sich auf der frisch geschnittenen Rasenfläche zahllose Kaninchen in der Abendsonne. Mein Ziel ist der am hinteren Ende des Friedhofs zentral gelegene Kreuzigungshügel: Aus mächtigem Kirschlorbeer-Gesträuch ragt das aus Sandstein geschaffene lebensgroße Kruzifix empor, links und rechts unter dem Kreuz stehen die Mutter Jesu und der Lieblingsjünger Johannes. Am Fuße dieses aufgeschütteten „Golgatha“, so weiß ich von früheren Besuchen, befinden sich rd. ein Dutzend Grabplatten verstorbener Dülmener Priester, zum Rasen hin im Halbkreis angeordnet. Sie scheinen alle mehr oder weniger vom Winde versandet worden zu sein, doch bei genauerem Hinsehen wird mir die eigentliche Ursache klar: Offenbar haben ganze Arbeitskolonnen von Kaninchen gleich an mehreren Stellen zwischen knorrigem Wurzelwerk eindrucksvolle Tunneleingänge im Kreuzigungshügel angelegt – und infolgedessen ganze Abraumhalden von Sand auf den Grabtafeln der Geistlichkeit verursacht.

Es sind zwei Gräber, die ich aufsuchen möchte: das von Pfarrdechant Wilhelm Börste und das von Studienrat Dr. Josef Feuerstein. Das Feuerstein-Grab ist schnell gefunden; die Börste-Grabplatte aber muss von den Kaninchen zugebuddelt worden sein. Von den neugierigen Übeltätern aus der Ferne beobachtet, schaue ich mich auf dem Friedhof um und finde hinter einem der noch verbliebenen Grabmäler ein Gartengerät. Ich stochere an verschiedenen Erdanhäufungen herum, bis ich, etwa in der Mitte der Reihe, endlich den Pfarrdechanten (d.h. seine Grabstelle) gefunden habe: polierter schwarzer Marmor, mit klar lesbarer Inschrift. – Ich halte ein kurzes „Memento“ für die hier bestatteten Dülmener Seelsorger und besonders für die beiden Geistlichen, von deren Beziehung zu Friedrich Kaiser ich weiß.

Wilhelm Börste (1847-1925), gebürtig aus Recklinghausen und 1871 zum Priester geweiht, war von 1894 bis 1923 Pfarrdechant an St. Viktor und damit der Pastor der Kindheit und Jugend Friedrich Kaisers. Zwar war er nicht dessen Taufpriester, wohl aber hatte Börste am 18. Mai 1897 in St. Viktor die Eltern getraut, wie das einschlägige Kirchbuch in unserem Pfarrbüro nachweist. Als Friedrich Kaiser 1963 im Anschluss an seine Bischofsweihe in St. Viktor ein persönliches Dankgebet formulierte, fügte er auch ein: „Ich danke Dir für den Schöpfersegen, den Du meinen Eltern geschenkt hast, die einst hier am Traualtar knieten.“

Dr. Josef Feuerstein (1880-1924) war gebürtiger Dülmener. 1904 zum Priester geweiht, wirkte er als geistlicher Studienrat, seit 1912 als Oberlehrer in seiner Heimatstadt. Seit Ostern 1918 hatte Friedrich Kaiser bei Dr. Josef Feuerstein Privatunterricht genommen und hier bereits „die ersten Stunden Latein und höhere Mathematik gepaukt, und das sogar bei Kerzenschein. Er bereitete sich auf das Gymnasium vor, um Priester zu werden“ – so hatte die Dülmener Zeitung für eine Reportage zur Bischofsweihe Kaisers recherchiert. Feuerstein konnte Ende November 1918 seinem Schüler bescheinigen, dass er das Latein-Pensum der Sexta und Quinta beherrschte; „seit einiger Zeit unterrichte ich ihn auch im Französischen. Er hat sich bereits eine sichere Aussprache angeeignet. ... Auch im Deutschen und in der Geschichte hat er sich mit Erfolg bemüht, sich weiterzubilden.“ Bis heute haben sich Aufsätze in französischer und deutscher Sprache erhalten, die Dr. Feuerstein im Dezember 1918 seinen Zögling verfassen ließ, so „Unsere Eisenbahn im Weltkriege“ oder „Wie man Weihnachten im Weltkriege feierte“. 

KriegsgraeberNach dem „Weltkrieg“ gab es bekanntlich nicht lange danach den „Zweiten Weltkrieg“. An ihn werde ich erinnert, als ich den alten Friedhof, der in der Abendstille eigentlich noch zum Bleiben einlädt, auf einem Pfad in Richtung Mühlenweg verlassen will. Denn hier befindet sich ein eigenes Gräberfeld, auf dem zahlreiche Steinkreuze an Dülmener Bombenopfer von 1945 erinnern. Ich krame noch mal die Fotokopie des Kaiser-Briefes von 1986 hervor und finde die Stelle, die ganz gut hierher passt: „Am 24. oder 25. März 1945 brachte die genannte Zeitung auf der ersten Seite die große Schlagzeile: ‚Dülmen bombardeado’. Dennoch ahnte ich sozusagen ‚nichts Böses’, sondern war überzeugt, dass die Treibstofflager der Luftwaffe im Osthoff angegriffen worden seien, von denen ich wusste. Monate später erfuhr ich dann die Wahrheit“ Friedrich Kaiser schildert dann, wie er, damals noch in Lima, im Sommer 1945 Post von einem französischen Priester aus der Normandie erhielt, der den Kriegsgefangenen Josef Frieling, einen Neffen Kaisers, kennen gelernt hatte und diesem nun den Gefallen tat, Verbindung zum Onkel in Peru aufzunehmen. Josef Frieling war erst bei Kriegsende in Dülmen in Gefangenschaft  geraten. „Er schrieb mir, dass von unserer Stadt nichts mehr stehe und dass er über seine (und meine) Verwandten nichts wisse.“

Eine dieser Verwandten wartet auf mich. Nach wenigen Schritten habe ich die grüne Oase des Mühlenwegfriedhofs hinter mir gelassen und bin am Mühlenweg: Jetzt befinde ich mich wieder in ganz vertrauter Umgebung. Ich überquere die Straße und begebe mich zum Haupteingang des Heilig-Geist-Stifts. Dort werde ich Elli Frieling besuchen. Sie ist eine Nichte von Bischof Kaiser, nämlich von dessen Schwester Maria eine Tochter. Aber nicht nur das. Sie ist auch die letzte lebende Person, die Friedrich Kaiser noch in seiner „deutschen Zeit“ begegnet ist, also vor dessen Auswanderung nach Peru 1938, und die sich daran auch noch erinnern kann. 

Elli Frieling, Jahrgang 1928, ist die letzte einer größeren Geschwisterschar. Zu ihren Brüdern zählten auch der Herz-Jesu-Missionar Reinhold Frieling sowie der Diözesanpriester Josef Frieling, bei dem Elli Frieling als Haushälterin wirkte, bevor er, noch keine 50 Jahre alt, an der Folge einer Kriegsverletzung starb. Auch danach war sie weiter als Pfarrhaushälterin in Stellung, bis sie in ihrem Ruhestand nach Dülmen zurückkehrte. Nach längerer Zeit in der Wohnanlage der Lüffe-Stiftung an der Droste-Hülshoff-Straße zog sie vor einigen Jahren ins Heilig-Geist-Stift. 

Ich habe meine abendliche Visite schon am Nachmittag angekündigt, um die alte Dame nicht zu überfallen; schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste. Es ist schon nach 19.00 Uhr, ich bin etwas verspätet und begebe mich rasch in den Wohnbereich „Am Garten 2“ im dritten Obergeschoss, wo sich Elli Frieling nach dem Abendessen mit einer anderen Seniorin am Esstisch unterhält. Als sie mich erblickt, steht sie gleich auf, schnappt sich ihren Rollator und lädt mich ein, ihr in ihr Zimmer zu folgen. Wir betreten ihren geräumigen und freundlich eingerichteten Wohnraum. Durch eine große, winkelig angeordnete Fensterfläche kann man auf eine von Wallhecken eingefasste Wiese blicken, auf der zwei Pferde grasen, darunter ein Dülmener Wildpferd. 

Foto vom HeimatbesuchNoch bevor wir Platz nehmen, entdecke ich in einem Regalfach ein kleineres, mir schon von früheren Besuchen bekanntes Foto: Es zeigt Friedrich Kaiser anlässlich eines Heimatbesuchs in den 1960er Jahren in einer Wohnung von Verwandten vor einem Wandkreuz, dem „Coesfelder Kreuz“. Das berühmte Gabelkreuz aus dem Mittelalter bzw. dessen vielfältige Nachbildung war lange Zeit so was wie ein „Emblem“ des münsterländischen Katholizismus, befand sich als Miniaturkopie in zahllosen Haushalten und kirchlichen Einrichtungen im Münsterland. Erst vor kurzem kam von den peruanischen Schwestern des von Kaiser gegründeten Seelsorge-Ordens die Anfrage und Bitte, einige „Coesfelder Kreuze“ zu schicken, damit sie künftig in Einrichtungen und Diensträumen der Ordensfrauen ihren Platz fänden – und an die ferne Heimat des Gründers erinnern. So bedauerlich es ist, dass das „Coesfelder Kreuz“ als religiöses „Markenzeichen“ des Münsterlandes zunehmend aus dem Blick gerät: so schön ist der Gedanke, dass diese Kreuze im fernen Südamerika eine neue Wertschätzung und Verehrung erfahren. 

Foto am Tag der PrimizWir plaudern ein wenig, über das Leben im Heilig-Geist-Stift, über Gott und die Welt – und natürlich über „Onkel Fritz“. Elli Frieling ist eine liebenswürdige Person und gibt bereitwillig Auskunft. Dass sie sich ab und zu wiederholt, erspart mir Nachfragen und erleichtert mir auch, einige Notizen zu machen. Dann springt mir ein weiteres, mir ebenfalls nicht ganz unbekanntes Foto ins Auge, ungefähr Postkartenformat, gerahmt und an die Wand gehängt. Wir haben das Bild schon beim ersten Dülmen-Rundgang von Frau Alfs in der Tiberstraße erläutert bekommen. Es zeigt den Neupriester Friedrich Kaiser am Tag seiner Heimatprimiz vor dem Elternhaus, bekleidet mit Talar und Rochett, angetan mit Stola und Birett. Damals war seine Nichte Elli dreieinhalb Jahre alt, doch einige „Gedächtnisspuren“ führen bis heute zu dem großen Tag zurück. Dass die kleine Elli zum Primizgottesdienst nach St. Viktor mitgenommen wurde, will sie heute nicht beschwören. Sicher aber erinnert sie sich, wie am Nachmittag der Neupriester seine kleine Nichte zu sich rief und sie sich vor ihm hinstellte, worauf er ihr erklärte, dass sie jetzt von ihm den Primizsegen erhalte, und dass er ihr dann die Hände aufgelegt habe. Elli Frieling hat  diesen Augenblick als ernst und feierlich und sehr schön in Erinnerung behalten. Auch den üppigen Blumen- und Straßenschmuck dieses Tages hat sie noch vor Augen. 

Fotos von FamilienfeiernJetzt hole ich zwei große Fotoabzüge hervor, die zwei Hochzeitsgesellschaften zeigen, beide 1938, auf beiden ist als einer der Gäste auch Pater Kaiser zu erkennen. Elli Frieling kennt beide Bilder. Auf einem der beiden Fotos, anlässlich der Trauung von Friedrich Kaisers Schwester Gertrud und ihrem Bräutigam Paul in Burgsteinfurt entstanden, gehörten auch Josef, Reinhold und Elli mit ihren Eltern zur abgelichteten Festgesellschaft. Elli, zehn Jahre alt, hat ihr dickes dunkles Haar zu Zöpfen geflochten, in denen weiße Schleifen stecken. Sie erinnert sich, dass damals, im Sommer 1938, schon „Krieg in der Luft“ gelegen habe. Doch nach dem Tod seines Vaters habe sich Friedrich Kaiser ganz auf eine baldige Auswanderung nach Peru konzentriert. Schon zweimal sei von irgendeiner Behörde oder Schifffahrtsgesellschaft die Erlaubnis zur Überfahrt kurzfristig wieder zurückgezogen worden. Warum er denn deswegen so nervös sei, habe Ellis Mutter ihn gefragt. „Weil am Ende Hitler noch einen kleinen Krieg anzettelt, und dann komme ich wohl gar nicht mehr weg!“ – so habe der Onkel erwidert. Das würde sie freuen, so Ellis Mutter, denn wäre ihr Bruder erst einmal ausgewandert, würde man sich wohl nie mehr wiedersehen. 

Als Friedrich Kaiser dann doch im März 1939 die Ausreise antreten konnte, gab es in der Dülmener Viktorkirche einen Abschiedsgottesdienst. Die Familie sei eher in gedrückter Stimmung gewesen und wollte sich gar nicht so richtig mit dem Auswanderer mitfreuen. Elli Frieling erinnert sich, wie ihr Onkel sie zum Abschied an sich gedrückt habe. Überhaupt sei er immer sehr herzlich und ganz unkompliziert gewesen. 

Abschiednehmen ist das Stichwort. Frau Frieling kann sich gleich der „Tagesschau“ und damit wieder der Gegenwart zuwenden – während ich dagegen von dannen ziehe und weiter den Spuren der Vergangenheit folge. Ich spaziere den Mühlenweg stadtauswärts und biege dann in den „Dernekämper Höhenweg“ ein, der irgendwann die Wohnbebauung hinter sich lässt und zwischen Feldern und Wiesen weiterläuft. Als ich die von einem Rundgewölbe überspannte Bahnunterführung nehme, denke ich: Dieses kleine Stück Infrastruktur Dülmens wird vor 100 Jahren auch schon existiert und so ausgesehen haben. Wie oft hat Friedrich Kaiser diesen Weg genommen? Als er als Schüler krankheitsbedingt wochenlang zu Hause verbrachte und sich erholen musste, so berichtete 1963 die „Dülmener Zeitung“ in einem Beitrag zur anstehenden Bischofsweihe, „besuchte er verschiedentlich die Dülmen nahe gelegenen Borkenberge und machte Spaziergänge durch die Heide, wo er völlig allein mit dem Herrgott Zwiesprache geführt haben dürfte.“ Wenn ich vom Heilig-Geist-Stift aus einen schönen Fußweg in die Borkenberge empfehlen sollte, würde ich hier die Bahn unterqueren; „google“ sieht das genauso. 

Bischof-Kaiser-StraßeDoch ich gehe nicht in die Borkenberge, sondern in Richtung Waldfriedhof. Am südlichen Rand dieser großen Begräbnisstätte beginnt bzw. endet die „Bischof-Kaiser-Straße“, verläuft parallel zwischen Bahnschiene und Waldfriedhof, überquert die sogenannte „Lange Nase“ und mündet in die „Lüdinghauser Straße“. – Als mit der Kommunalreform 1975 bislang selbständige Gemeinden zur neuen Stadt Dülmen fusioniert wurden, stellte sich auch die Frage, wie man mit bisherigen Straßennamen verfahren solle, die im neuen Kommunalraum plötzlich mehrfach vertreten waren. So gab es sowohl in Dülmen wie auch in Buldern eine „Friedenstraße“. Der Stadtrat entschied, die Dülmener Friedenstraße, die Zufahrt zum Waldfriedhof, künftig „Bischof-Kaiser-Straße“ zu nennen – so ungewöhnlich es auch ist, öffentliche Straßen oder Einrichtungen nach einem noch lebenden Menschen zu benennen. Irgendwann wurden unterhalb der Straßenschilder mit dem Schriftzug „Bischof-Kaiser-Straße“ kleine Erläuterungstafeln angehängt. 40 Jahre später waren die Straßenschilder, aber auch die Erläuterungstafeln (offiziell „Indexschilder“ genannt) stark verblasst und letztere auch nicht mehr aktuell, so dass 2016 die Straßenschilder in einem längeren Format und auch die Erläuterungstafeln hinsichtlich ihres Umfangs und Inhalts erweitert bzw. neu angefertigt wurden. Ebenso befinden sich seit 2016 an den insgesamt vier Schildern „Bischof-Kaiser-Straße“ quadratische Tafeln mit dem Konterfei des Bischofs. Auf diese Weise, so die Idee, wird auch dem Leseunkundigen „en passant“ ein optischer Eindruck vermittelt. 

Segnung des neuen SchildesIch gehe die Bischof-Kaiser-Straße bis zum Haupteingang des Waldfriedhofs. Der Waldfriedhof wurde im November 1928 eröffnet. Auch Friedrich Kaisers Vater Josef wurde knapp zehn Jahre später hier bestattet. – Auf dem vorgelagerten Parkplatz wurde am 26. August 2016 eine 80 x 80 cm große Info-Tafel im Beisein peruanischer Ordensfrauen aus der von Kaiser gegründeten Gemeinschaft der „misioneras de jesus verbo et victima“ enthüllt, die eine ganze Reihe von Informationen zum „Namenspatron“ der „Bischof-Kaiser-Straße“ bietet. Im Internet kursiert bei „YouTube“ ein Mitschnitt von diesem Ereignis: Schwester Inmaculata und Schwester Flavia besingen zunächst in einem spanischsprachigen Volkslied ihre peruanische Heimat mit den drei großen Regionen Küste, Anden und Regenwald; dann zieht Schwester Flavia die Verhüllung von der neuen Tafel. Das Segensgebet, das ich damals sprach, lautete: „Herr Jesus Christus! Wir alle sind zum Zeugnis für dein Evangelium berufen. Wir alle dürfen etwas von der Schönheit und Wahrheit deiner Botschaft aufstrahlen lassen. Hilf uns, dass wir als Getaufte in diesem Sinne einander wahrnehmen und aufeinander zugehen. Hilf uns die Erinnerung an jene wachzuhalten, die uns als glaubwürdige Christen ein Beispiel gegeben haben, deinem Ruf zu folgen. Lass uns insbesondere im Lebens- und Glaubenszeugnis deines Dieners Friedrich Kaiser Anregungen für unser persönliches Christsein und für unser Leben als Gemeinde vor Ort entdecken. Schenke uns und allen, die an diesem Bild und vor dieser Tafel verweilen, Orientierung im Glauben sowie die Kraft und den Mut, selbst aufzubrechen und uns von dir in den Dienst nehmen zu lassen – heute und an allen Tagen unseres Lebens bis in Ewigkeit. Amen.“

Freischaltung der WebsiteDanach sind wir, rd. 60 Personen, durch das Friedhofstor geschritten, um uns in der Trauerhalle zu versammeln. Hier war alles vorbereitet, um in einem weiteren kleinen Festakt einen Internet-Auftritt freizuschalten, der sich dem Andenken an Friedrich Kaiser widmet. Da Schwester Flavia die Enthüllung der Info-Tafel vorgenommen hatte, war jetzt Schwester Inmaculata an der Reihe und drückte den „Buzzer“, den roten Startknopf. Unter der Adresse www.bischof-friedrich-kaiser.de können auf einer von Christiane Daldrup erstellten und betreuten Internetplattform historische Texte und Bilder, aber auch aktuelle Informationen über das Wirken der von Kaiser gegründeten „misioneras“ oder über den Verlauf des Seligsprechungsverfahrens abgerufen werden. 

So wie damals, vor zwei Jahren, gehe ich auch heute Abend noch weiter in das Innere der weitläufigen Friedhofslandschaft hinein. Auch damals haben wir, bevor wir uns zum gemütlichen Ausklang bei belegten Brötchen, Kaffee und peruanischem Schnaps sowie lebendigen Gesprächen in die „Kleine Auszeit“ zurückgezogen haben, zunächst noch die „Priestergräber“ aufgesucht. Heute aber gehe ich nicht schnurstracks dorthin, sondern drehe erst noch mal eine größere Runde über den Friedhof. Ich lasse mir Zeit, denn es hat etwas Besinnliches, Beruhigendes. Zahlreiche Verstorbene hier habe ich selbst begraben. 

PriestergräberDie Gräber der seit Friedhofseröffnung verstorbenen Dülmener Priester liegen unweit des riesigen Friedhofskreuzes, aber doch etwas abseits, von dichtem Buschwerk umgeben. Ein direkter Verwandter von Friedrich Kaiser, dessen Grab sich hier befindet, ist der auf unserem Rundgang schon mehrfach erwähnte Josef Frieling (1924-1974), zuletzt Pfarrer in Oer-Erkenschwick. Dann ist da das Grab von Propst Theodor Dümpelmann (1889-1970), einer meiner Vorgänger als Pfarrdechant an St. Viktor in Dülmen. Er wurde 1963, anlässlich der Bischofsweihe von Friedrich Kaiser in St. Viktor, zum Propst h.c. (also ehrenhalber) ernannt. Und dann, um in der Chronologie noch weiter zurückzugehen, stehe ich am Grab von Pfarrdechant Theodor Knepper (1876-1944). In meiner biographischen Recherche zu Friedrich Kaiser bin ich Knepper bzw. dessen O-Ton bisher zweimal begegnet. 

So konnte Knepper in einem handschriftlichen Empfehlungsschreiben vom 25. August 1926 seinem Pfarrkind Fritz Kaiser, als dieser als Novize der Herz-Jesu-Missionare wieder krankheitsbedingt aussetzen musste, bescheinigen, dass dieserin den Monaten der Erholung „regelmäßig und mit Erbauung für alle“ am gottesdienstlichen Leben der Gemeinde, „so viel ich weiß täglich“ teilgenommen habe. Der Seelsorger regte an, nach Rückkehr in den Orden „ihm die Zeit des Noviziats abzukürzen, da er schon 9 Monate davon im ersten Noviziat durchgemacht hat.“ Daran war leider nicht zu denken; Friedrich Kaiser musste das Noviziat von vorn beginnen.

Sechs Jahre später, am Tag der Heimatprimiz des Neupriesters Friedrich Kaiser am 21. August 1932, war Theodor Knepper der Festprediger. In Erinnerung der zurückliegenden Jahre konnte er resümieren, „der Weg des Neupriesters sei nicht immer ein gerader, sondern ein beschwerlicher und mit Dornen besäter gewesen.“ Doch der Pfarrdechant wollte lieber nach vorn schauen – allerdings nicht ohne den noch unerfüllten Wunsch des Primizianten, nämlich als Missionar in die Ferne gesandt zu werden, anzudeuten. „Jetzt sei er am Ziele seiner Wünsche. Doch nicht ganz“ – so wurde Knepper zwei Tage später von der „Dülmener Zeitung“ zitiert. „Er wisse noch nicht, wo sein Arbeitsfeld sei. Wenn über einige Zeit der Ruf an ihn erginge, ins Heidenland zu ziehen, um dort zu arbeiten und zu wirken, werde er gerne die Opfer und Mühen auf sich nehmen, folgend dem Befehl Christi: ‚Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker.’“

Diese erhabenen Worte sind ein schöner Abschluss meiner abendlichen Dülmen-Exkursion. Eigentlich kein Abschluss, sondern eine Anregung zum Weiterdenken: Wo ist das wirkliche „Arbeitsfeld“ eines Seelsorgers? Welcher „Ruf“ ergeht im Stimmengewirr des Alltags tatsächlich an uns? Wo geht es hierzulande zum „Heidenland“? Und wo legen wir in unserem Dienst „Opfer und Mühen“ an den Tag? Wird irgendwann, wenn ich selbst einmal als ein weiterer Dülmener Pfarrdechant hier liege, noch irgendjemand über irgendein Zitat aus einer meiner Predigten nachdenken, und das im Abstand von Jahrzehnten – so wie heute Abend am Grab von Pfarrdechant Knepper geschehen? Aber wie gesagt: Weiter-Denken, nicht nur Nach-Denken. Zumal die von Knepper (bzw. von der damaligen „Dülmener Zeitung“) zitierte Schriftstelle bedauerlicherweise den nachfolgenden Satz und damit den Abschluss des gesamten Matthäus-Evangeliums weglässt: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) 

KreuzkapelleVor dem Ende der Welt ist das Ende des Tages nahe. Die abendliche Sonne ist inzwischen verschwunden, die Dämmerung hat sich über die Wege und Grabfelder unseres Waldfriedhofs gelegt. Mich fröstelt ein wenig. Ich begebe mich zum Eingang, ziehe das Fußgängertor hinter mir zu, entbiete dem ernst dreinblickenden Konterfei Friedrich Kaisers auf der Info-Tafel am Parkplatz einen stillen Gruß. Dann wandere ich durch die anbrechende Nacht, vorbei an der Kreuzkapelle und der Kreuzkirche, durch das Lüdinghauser Tor, an St. Viktor und dem Marktplatz vorbei über die Coesfelder Straße nach Hause. 

 

Ruf aus den Anden

Schließlich kam mir der Gedanke (– oder war es ein Ruf? –): Gründe du selbst eine Gemeinschaft von Seelsorgeschwestern.