Auf den Spuren Friedrich Kaisers

Oder: Eine Reise in die Vergangenheit / Teil VI

Heute: Paderborn / Reisebericht von Markus Trautmann

Bahnhof DülmenEs ist der 22. Februar, ein regnerischer Tag. Gerade haben wir in St. Viktor den Festgottesdienst „Kathedra Petri“ gefeiert. Die Lesung aus dem Ersten Petrusbrief mahnt die Vorsteher der jungen christlichen Gemeinden: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes; seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!“ Das passt ja, finde ich, bei der Spurensuche eines späteren Bischofs, der sich einmal bis zur Selbstverleugnung für die Gemeinden der Andenbewohner im fernen Peru einsetzen würde. Doch bis dahin war es ein weiter Weg, und eine erste Etappe war am 6. Januar 1919 die Abreise Friedrich Kaisers aus Dülmen und der Eintritt ins Internat der Herz-Jesu-Missionare in Hiltrup bei Münster. Auf demselben Gleis soll heute auch meine Exkursion starten. Ganz durchnässt, weil auf dem Fahrrad, komme ich am Dülmener Bahnhof an. Um 9.01 Uhr verlässt mein Zug Dülmen und setzt sich Richtung Münster in Bewegung. Dort habe ich eine gute Viertelstunde Aufenthalt, dann nehme ich um 9.40 Uhr die „Ems-Börde-Bahn“, die – über Hamm, Soest und Lippstadt – direkt nach Paderborn fährt.

Bahnhof Münster HiltrupDer erste Halt ist Münster-Hiltrup. Hiltrup war bis 1975 eine eigenständige Kommune, heute ist es der größte Stadtteil Münsters. An eben jener Bahnstation Hiltrup verließ vor fast 100 Jahren Friedrich Kaiser den Zug und begab sich – sicherlich zu Fuß – zum Missionshaus Hiltrup. Bis dahin ist es noch rd. ein Kilometer, man kann es vom Bahnhof aus nicht sehen. Stattdessen kann man das denkmalgeschützte und erst vor kurzem wunderschön renovierte Hiltruper Bahnhofsgebäude aus dem Jahre 1907 bewundern. Die „STADTTEIL Offensive Hiltrup e.V.“ hat dem Gebäude nach Jahren des Dornröschenschlafs neues Leben eingehaucht und einen „Kulturbahnhof“ geschaffen. „Emotionen, Visionen und Chancen waren die Schlagworte auf dem Weg zur Projektentwicklung“, heißt es auf der Website www.kulturbahnhof-hiltrup.de. Passt vielleicht so in etwa zur Stimmungslage Friedrich Kaisers, als er am 6. Januar 1919 durch die Bahnhofshalle ins Freie und dann in Richtung Hiltruper Missionshaus spazierte. Das wäre mal Thema einer eigenen Exkursion, denke ich, als sich mein Zug auch schon wieder in Bewegung setzt.

Schon bald sind wir in Hamm. Auch hier – genauer: im damaligen Herz-Jesu-Kloster in Hamm-Uentrop – war Friedrich Kaiser in den 1930er Jahren einige Zeit tätig. Doch auch diese Exkursion muss ein andermal stattfinden. Mein Zug fährt weiter.

Luise-Hensel-Denkmal Um 11.09 Uhr erreicht er Paderborn. Es hat endlich aufgehört zu regnen, aber das scheint vielleicht nur vorübergehend zu sein. Ich begebe mich Richtung Innenstadt, dann die innerstädtische Umgehungstraße „Liboriberg“ entlang. In der Grünanlage an der „Jesuitenmauer“ entdecke ich das Luise-Hensel-Denkmal mit der vertrauensvollen Inschrift: „Quält dich heimlich Sehnen, / unverstandnes Weh, / sprich zu Ihm mit Tränen: / Herr, dein Will‘ gescheh!“ Die Gedanken eines überaus idealistischen gläubigen Menschen, wie Friedrich Kaiser! Aber Luise Hensel soll mich später noch etwas mehr beschäftigen.

Ich muss weiter, denn ich habe um 12.00 Uhr einen Termin beim Bonifatius-Verlag. Ich umrunde weiter auf dem „Busdorfwall“ die Innenstadt und begebe mich dann über die „Benhauser Straße“ nach Nordosten. Mir wird klar, dass ich es nicht pünktlich schaffen werde, zwischen Bahnhof und der „Karl-Schurz-Straße“ sind es mehr als vier Kilometer!

St. Stephanus Als ich die Abzweigung „Benhauser Straße“ / „Berliner Ring“ passiere, entdecke ich von weitem den weißen Turm der katholischen Kirche St. Stephanus. Hier, d.h. im dortigen Pfarrheim, trifft sich seit vielen Jahren der kleine, aber aktive Kreis des Fördervereins „Caravelì e.V.“, der die Spendengelder aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zur Unterstützung der von Friedrich Kaiser gegründeten Seelsorgeschwestern verwaltet bzw. nach Peru weiterleitet. Da Schwester Willibrordis (1907-2002), die Mitgründerin und erste Generaloberin der „Misioneras“, gebürtig aus Paderborn stammte, hatte sie in den 1990er Jahren den damaligen Paderborner Weihbischof Paul Consbruch (1930-1912) gebeten, ihr dabei behilflich zu sein, dass die Sammlung und Überweisung der Spenden deutscher Freunde und Förderer dauerhaft gewährleistet sei. Dieser hatte den Paderborner Pfarrer Philipp Schniedertüns (+ 2004) gebeten, einen Kreis von Unterstützern zu bilden – und diese sind nun seit 1998 aktiv, suchen allerdings händeringend die Unterstützung durch Jüngere.  Erst im vergangenen Herbst habe ich der quirligen Truppe einen Besuch abgestattet. Wir haben überlegt, ob und wie das Engagement des in Paderborn gemeldeten „Caravelì e.V.“ künftig von Dülmen aus unterstützt werden könnte.

Friedrich Kaiser mit Schwester WillibrordisNoch ein Wort zu Schwester Willibrordis: Als Therese Bonefeld in Paderborn geboren, war sie gelernte Erzieherin und seit 1932 Hiltruper Missionsschwester. 1938 kam sie nach Peru. Von 1961 bis 1986 war sie die erste Generaloberin der Schwesterngemeinschaft von Caravelì. 1998 erhielt sie als „Botschafterin der Nächstenliebe“ das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Ich komme mit reichlicher Verspätung am Verwaltungsgebäude des Bonifatius-Verlags an. Die „Bonifatius GmbH“ ist ein Medienunternehmen, das 1869 mit Druckerei, Buchhandlung und Buchverlag sowie als Herausgeber katholischer Zeitschriften gegründet wurde. Alleiniger Gesellschafter ist seit 1996 die kirchliche Franz-von-Sales-Stiftung in Paderborn. Im Unternehmensnamen „Bonifatius“, so erfährt man auf der einschlägigen Website, verbinden sich die Worte bonum (Gutes) und facere (machen). „Wir orientieren ‚Gutes machen‘ am christlichen Gottes- und Menschenbild. Aus dieser Haltung heraus agieren wir authentisch und überzeugend, professionell und differenziert.“ An den drei Unternehmensstandorten Paderborn, Dortmund und Bonn sind 150 Beschäftigte tätig. Eine von ihnen ist Ursula Böddeker, zuständig für Vertrieb und Auslieferung.

Bereits telefonisch hatte ich einige Wochen zuvor bei Ursula Böddeker angefragt, ob zur Entstehungsgeschichte des Buches „Der Ruf aus den Anden“ noch Unterlagen existierten. Friedrich Kaiser brachte das Buch 1988 hier heraus: eine bunte Sammlung von Erlebnisberichten und Einblicke zu seinem pastoralen Wirken in Peru bzw. zum Wirken der „Schwester vom lehrenden und sühnenden Heiland“. Die entsprechende Akte hat Frau Böddeker schon herausgesucht und lässt mich dann, mit einem dampfenden Kaffee, in einem Raum in Ruhe Einsicht nehmen. „Der Ruf aus den Anden“ – das sind in weiten Teilen frühere Rundbriefe ab 1969, überarbeitet und zusammengestellt für ein Buch von rd. 200 Seiten. „Ein erfrischendes und wirklich ermutigendes Buch“, so sollte es dann in einer Verlagsmitteilung heißen, „bei dessen Lektüre unwillkürlich das Vorwort des Lukas-Evangeliums in Erinnerung kommt: ‚Nun habe auch ich mich entschlossen, alles von Anfang an sorgfältig nachzuforschen, um es für euch … der Reihe nach aufzuschreiben‘.“

"Ruf aus den Anden"Im Juni 1987 war das Manuskript durch den in Oeventrop wirkenden Herz-Jesu-Missionar Karl Wittkemper, ein Mitbruder Friedrich Kaisers bei den „Hiltruper Missionaren“, dem Bonifatius-Verlag übergeben worden. In einem Vertrag zwischen dem Verlag und P. Wittkemper wurde am 28. April 1988 eine Auflagenhöhe von 3.000 Exemplaren vereinbart; im Sommer erschien das Buch. Da Bischof Kaiser zwischenzeitlich – genauer: am 21. Januar 1988 – durch einen Schlaganfall gesundheitlich stark eingeschränkt war, war es Schwester Willibrordis, die sich am 18. Juli 1988 aus Caravelì an den Verlagsleiter Reinhold Röttger wandte: „Als wir per Luftpost den ‚Ruf aus den Anden‘ (2 Exemplare) bekamen, war mein erster Impuls, sofort Ihnen zu sagen: wie schön haben Sie das gemacht, wir danken Ihnen Ihre Aufmerksamkeit. Denn man sieht dem Buch an, es ist mit besonderer Liebe gemacht worden.“ Bischof Kaiser, so erfahren wir, war zwar körperlich und sprachlich schwer angeschlagen, aber „er liest wohl schon zum 3. Mal im ‚Ruf aus den Anden‘ und freut sich über das missionarische Wirken seiner Schwestern. Der klare Druck des Buches und die Themen helfen ihm sehr.“

Ich mache eine Reihe von Fotokopien und schließe die „Akte Kaiser“. Als ich nach rd. anderthalb Stunden wieder auf die Straße trete, hat es aufgehört zu regnen.

Luise-Hensel-GrabIch begebe mich die „Benhauser Straße“ wieder zurück in Richtung Paderborner Innenstadt. Als ich die „Driburger Straße“ erreiche, muss ich diese nur noch überqueren, und ich stehe am Ostenfriedhof. Das gesuchte Grab ist schnell gefunden: das der Dichterin Luise Hensel. Luise Hensel, in jungen Jahren zum katholischen Glauben konvertiert und ihr Leben lang rastlos unterwegs, ist die Schöpferin des berühmten Abendgebets „Müde bin ich, geh zur Ruh“. Sie war auch einige Male in Dülmen, wo sie ein freundschaftliches Verhältnis mit Anna Katharina Emmerick (1774-1824) verband. Wenige Tage nach dem Begräbnis der Emmerick verfasste Luise Hensel an ihrem Grab ein Abschiedsgedicht: „Müd‘ komm ich aus der Ferne / mit schwerem Wanderstab. / Ach, grüßen wollt‘ ich gerne / der treusten Freundin Grab.“ Und schließlich: „Das reichste Herz an Güte, / das ich auf Erden fand, / das bergen diese Blumen, / das decket dieser Sand.“

Was Luise Hensel mit Friedrich Kaiser verbindet? Eben der Besuch am Emmerick-Grab in Dülmen. Auch Kaiser suchte in tiefer Wehmut die Grabstätte auf, rd. 100 Jahre nach Luise Hensel. Denn als er 1925 krankheitsbedingt die Entlassung aus dem Noviziat fürchten musste, ging er in seiner Not zum Grab der Emmerick. „Ich betete inständig“, erinnerte sich Kaiser gegen Ende seines Lebens, „und sagte schließlich unserer Landsmännin in Grab hinunter: Wenn ich nun doch noch zum Priestertum komme, dann werde ich offen sagen, dass ich es Dir verdanke. Und falls ich nicht zum Ziel komme, werde ich nicht verhehlen, sondern ebenso offen sagen, dass ich auf Deine Fürbitte gebaut habe, aber nicht erhört wurde.“ An diese Episode muss ich denken, als ich am Grab der Luise Hensel stehe.

Paderborner DomMein letzter Besuch an diesem Tag gilt dem monumentalen Paderborner Dom. Hier empfing Friedrich Kaiser zusammen mit weiteren „Hiltrupern“ am 10. August 1932 die Priesterweihe. Weihespender war der damalige Paderborner Erzbischof Caspar Klein (1865-1941).

Ich erinnere mich an eine harmlose Erinnerung der hochbetagten Elli Frieling, eine Nichte von Friedrich Kaiser. Sie war damals zwar erst dreieinhalb Jahre alt, doch kann sie sich noch erinnern, dass von der Familie nur ihr Großvater Josef Kaiser zum feierlichen Zeremoniell in die Paderstadt reiste, begleitet von seiner Tochter Maria, der Mutter von Elli Frieling. Im Vorfeld der Priesterweihe sei immer vom „Hohen Dom zu Paderborn“ die Rede gewesen, und als die Mutter nun wieder nach Dülmen zurückkam, haben ihre Kinder sie umringt und gedrängt, doch endlich zu berichten, wie hoch denn der „Hohe Dom“ wirklich sei. Die Antwort der Mutter war für die Kinder ernüchternd: „Ach, wisst ihr, auf die Höhe des Doms habe ich gar nicht so genau geachtet. Aber ich habe mich wohl gewundert, dass ich beim Hineingehen noch zwei Stufen hinabsteigen musste.“

Erst vor kurzem ist – beim Trödel! – das Primizbild von damals aufgetaucht. Das kleine Bildchen zeigt als Scherenschnitt die Aufnahme Mariens in den Himmel und einen dreizeiligen Gruß an die Gottesmutter. Der Textteil auf der anderen Seite des Gedenkbildchens beginnt mit dem Primizspruch des Neupriesters: „Christus und sein Reich!“ – Ebenfalls eindrucksvoll ist das kurze Gebet „Heiligstes Herz Jesu, ich vertraue auf dich“ mit der Anmerkung: „Letztes Gebet meiner Mutter“. Diese, Wilhelmine Kaiser geb. Depel, war 1928 verstorben. 

beschauliches PaderbornEs ist Abend geworden. Ich nehme den Zug zurück in Richtung Hamm bzw. Münster. In Soest steigt ein junges Mädchen in den Zug und nimmt mir gegenüber Platz. Sie ist ganz vertieft in die Lektüre eines Reclam-Heftes, eine Schrift von Sören Kierkegaard. Ich spreche sie darauf an und erfahre, dass sie in Paderborn auf Lehramt studiert, Sekundarstufe I, unter anderem Religion. Sie hat bereits einige Praktika hinter sich und schwärmt vom jüngsten Einsatz an einem sozialen Brennpunkt in Dortmund. „Die hatten dort nicht die geringste Ahnung von Religion“, erzählt sie. Ich stutze: Da kommt man aus dem beschaulichen Soest, studiert im beschaulichen Paderborn – und möchte, ausgerechnet als Religionslehrerin, eine derartige Herausforderung? „Ja, aber gerade da werde ich doch gebraucht!“, antwortet sie mit Nachdruck. Ich fühle mich schlagartig an jenen Ehrgeiz, ja an jenes Sendungsbewusstsein des jungen Friedrich Kaiser erinnert, mit dem er alles in Bewegung setze, um als Missionar in die Fremde zu gehen.

Und ich? Es ist schon dunkel, als ich ins beschauliche Dülmen zurückkehre. Ich kehre in meine behagliche Wohnung zurück: alles andere als die improvisierte Bleibe eines Missionars. Müde, doch aufgewühlt von vielen Eindrücken des heutigen Tages, bete ich das Brevier vom Fest „Kathedra Petri“. Dort heißt es im Schlussgebet: „Das gläubige Bekenntnis des Apostels Petrus ist der Felsen, auf den du deine Kirche gegründet hast. Lass nicht zu, dass Verwirrung und Stürme unseren Glauben erschüttern.“

Markus Trautmann

Fotos von wikipedia.org: Dülmener Bahnhof: Christian Liebscher - Eigenes Werk, gemeinfrei; Bahnhof Hiltrup: Hajj0 ms - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0; Luise-Hensel-Denkmal: INDALOMANIA, CC BY-SA 3.0; St. Stephanus: Daniel Brockpähler - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0; Luise-Hensel-Grab: Von Athde - Eigenes Werk, CC0

 

Ruf aus den Anden

Ja, hier ist Hunger nach Gott. Darum der Ruf, der Schrei aus den Bergen – der Schrei nach einem Priester.