Auf den Spuren von Friedrich Kaiser

Oder: Eine Reise in die Vergangenheit / Teil II

Heute: Hiltrup / Reisebericht von Markus Trautmann

Vor dem Bahnhof in DülmenZwar fährt unser Zug ab Dülmen an diesem Samstagmorgen erst um 9.01 Uhr, doch schon um 8.30 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhofsvorplatz. Die Gruppe ist nicht ganz komplett: einige ältere Damen, die nicht gut zu Fuß sind, haben sich vorsichtshalber schon direkt zum Bahnsteig begeben; Pater Charly kommt etwas später, da er noch die Morgenmesse in St. Viktor feiert. Insgesamt werden wir 24 Personen sein. Heute wollen wir jenem Streckenverlauf bzw. jenem Lebensabschnitt von Friedrich Kaiser nachspüren, der ihn nach dem Ersten Weltkrieg von Dülmen nach Hiltrup führte. Zum Jahresende 1918 hatte er seine Bürostelle in der Dülmener „Eisenhütte Prinz Rudolf“ gekündigt, um endlich, nach entsprechender Vorbereitung durch einen Dülmener Geistlichen, das Gymnasium der Herz-Jesu-Missionare besuchen zu können. Denn er wollte ja Priester werden. „Herr Kaiser hätte sicherlich mit bestem Erfolg seine Lehre beendet, er verlässt uns aber, um eine höhere Schule zu besuchen und diese zunächst zu absolvieren“, so hieß es im Referenzschreiben der Betriebsleitung der Eisenhütte. Und dann war es so weit: Am 3. Januar hatte er seinen Wohnsitz in Dülmen offiziell  abgemeldet; am 6. Januar, dem Dreikönigstag, trat er die Fahrt nach Hiltrup an. 

Von einem Liedblatt singen wir „Aus grauer Städte Mauern“, ein Lied, in dem sich das Lebensgefühl so vieler Jugendlicher nach dem Ersten Weltkrieg ausdrückte. Doch die Zeit war unsicher. Als Kaiser den Zug nach Hiltrup bestieg, war der Krieg gerade mal acht Wochen vorbei. Erst im Advent hatte der künftige Pennäler zu Übungszwecken einen etwas rührseligen Aufsatz zum Thema „Weihnachten im Weltkrieg“ verfasst. Ich trage der Gruppe einen Text aus der Januar-Ausgabe 1919 der „Hiltruper Monatshefte“ vor: „Wieder stehen wir an der Schwelle eines neuen Jahres, und diesmal zugleich an der Schwelle einer neuen Zeit. Das Alte ist gestürzt; wir stehen vor Trümmern und Ruinen. Wird daraus neues Leben erblühen? Wir hoffen es.“ Und schließlich: „Lassen wir uns also an dieser wichtigen Jahres- und Zeitenwende trotz aller widrigen Verhältnisse, trotz der Enttäuschungen und bittersten Lasten, die der Ausgang des Weltkrieges uns gebracht, unsre Schwung- und Spannkraft nicht lähmen, sondern beginnen wir mit neuem Mut und frischer Kraft! Auf zum Gebet und zu rastloser Arbeit, mit Gottes Hilfe und Gottes Segen!“ – Dann trage ich die bekannten Gebetsgedanken von Papst Johannes XXIII. vor: „Nur für heute ...“ – eine Ermunterung, sich geistlich und menschlich mit den kleinen Schritten zu bescheiden. Dies würde Friedrich Kaiser in den folgenden Jahren noch öfters tun müssen. 

Am BahnsteigWir singen „Danke für diesen guten Morgen“, dann begeben wir uns zu den Gleisen und steigen bald darauf in den Zug. Eine lautstarke und alkoholselige Ausflugsgruppe im mittleren Alter, mit dröhnender Musik aus umgehängter Lautsprecherbox, steigt ebenfalls ein – offenbar in dem sicheren Bewusstein, ganz allein auf der Welt zu sein. Zwischendurch fällt unter lautem Geschrei eine Bierdose zu Boden und verteilt sich auf dem Abteilboden. Wie wäre die Reaktion, wenn wir mit unserer Gruppe während der ganzen Zugfahrt lauthals mit Kirchenliedern dagegenhielten? – so geht es mir durch den Kopf. 

GruppenfotoNach einem Umstieg in Münster sind wir um 9.39 Uhr in Hiltrup. Hier erwartet uns auf dem Bahnsteig Günter Zimmermann, der sich in der „Stadtteiloffensive Hiltrup e.V.“ für den „Kulturbahnhof Hiltrup“ engagiert. Zimmermann skizziert in knappen Zügen die Geschichte der Bahnstrecke Münster-Hamm und des Hiltruper Bahnhofs. Das denkmalgeschützte Gebäude ist mustergültig renoviert und präsentiert sich in der strahlenden Morgensonne. Wir haben Glück: Zwar werden gerade Vorbereitungen für eine Hochzeitsgesellschaft getroffen, die am Nachmittag hier feiern will, doch ein Rundgang durch die alte Schalterhalle ist möglich. Die noch nicht weggeräumten Theaterpodeste vom Vorabend zeigen, dass hier neben Familien-, Betriebs- und Vereinsfestivitäten auch Musik- und Kleinkunstveranstaltungen stattfinden. Nach dem obligatorischen Gruppenfoto überqueren wir einen neu angelegten Parkplatz und steuern auf einen Supermarkt bzw. den dort vorgelagerten Außenbereich der Bäckerei Essmann zu. Hier stehen schon Gartentischchen mit Stühlen bereit, wir stärken uns mit Kaffee, Tee und Kaltgetränken. Eine Mitarbeiterin bringt Plätzchen herbei – in Herzform, passend zur Exkursion! Nach einem weiteren Gruppenfoto, das sich die zuvorkommende Essmann-Mitarbeiterin wünscht, machen wir uns um ca. 9.40 Uhr auf den Weg, um fast in Luftlinie über die Max-Winkelmann-Straße vom Bahnhofsvorplatz zum „Klosterwald“ zu gelangen. 

Klosterwald40Hier, Am Klosterwald Nr. 40, befindet sich das 1975 bezogene moderne Domizil der Herz-Jesu-Missionare, nach dem das alte „Missionshaus“ aufgegeben wurde. Uns öffnet die „Pfortenschwester“ Mariella, die vor Jahren einige Zeit im Kloster Hamicolt bei Rorup gelebt hat. Pater Dr. Martin Kleer, der Provinzial der Gemeinschaft, heißt die ganze Gruppe willkommen und führt uns in einen vorbereiteten Raum. Dort hat die Archivarin des Ordens, Sabine Heise, eine exklusiv für uns erstellte PowerPoint-Präsentation vorbereitet. Sie schildert die Ursprünge der 1854 von Jules Chevalier in Zentralfrankreich gegründeten Gemeinschaft, die als „Missionarii Sacratissimi Cordis Jesu“ (Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu; Ordenskürzel: MSC) ursprünglich ein Seelsorge-Orden im eigenen Land sein wollte. Der Name des Ordens erinnert an die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete Herz-Jesu-Verehrung, die sich im Frankreich jener Jahre auch als christliche Antwort verstand gegenüber vielfacher sozialer Not, geistiger Leere und gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit. Zunächst wirkten die Missionare in Mittelfrankreich, wo ganze Landstriche schon der Entchristlichung entgegenzugehen drohten. Doch schon bald zwangen die innenpolitische Situation und die kirchenfeindliche Politik in Frankreich die Ordensmänner, ins Ausland auszuweichen und sich dort neue Tätigkeiten zu erschließen. 1897 wurde das „Missionshaus“ an der heutigen Westfalenstraße als Sitz der künftigen norddeutschen Provinz des Ordens nebst Gymnasium und Internat in Betrieb genommen. Die Archivarin präsentiert uns den erst vor kurzem überraschend wiedergefundenen Kaufvertrag, mit der das weiträumige Gelände in den Besitz der MSC-Missionare überging. „Manchmal erlaubt es ein Zufall beim Aufräumen, dass ein verschollen geglaubtes Dokument plötzlich wiederentdeckt wird“, erklärt sie. 

VortragDann präsentiert uns Sabine Heise über PowerPoint einige Fotos und Dokumente zu Friedrich Kaiser. Dessen Personalakte befindet sich im Hiltruper Archiv, darin beispielsweise sein Aufnahmegesuch als Novize oder verschiedene Referenzen und Leistungsnachweise. Als wahre Fundgrube, so erfahren wir, dürfte sich erst noch die Sichtung und Auswertung des Nachlasses von Reinhold Frieling (1926-2016) erweisen. Frieling, gebürtig aus Dülmen und Neffe von Friedrich Kaiser, war ebenfalls Herz-Jesu-Missionar und wirkte nach seiner Priesterweihe einige Jahre als Assistent und „Mädchen für alles“ an der Seite seines Onkels in Peru. Nach den historischen Informationen aus der Ordensgeschichte bzw. aus dem Ordensarchiv berichtet Pater Kleer von der gegenwärtigen Lage. Die MSC-Gemeinschaft bereite sich praktisch auf das vollständige Ende ihrer Existenz in Europa und Nordamerika vor, so der Provinzial, zumindest hinsichtlich des eigenen Ordensnachwuchses. Er selbst, 1962 geboren, sei der mit Abstand jüngste Herz-Jesu-Missionar in Hiltrup. 

Pater Charly, einer unserer indischen Seelsorger in Dülmen und selbst Herz-Jesu-Missionar, staunt darüber, wie vital und engagiert, innovativ und expansiv die „Hiltruper Missionare“ in früheren Jahrzehnten einmal waren. Als Charly vor rd. einem Jahr nach Deutschland geschickt wurde, war er zunächst einmal gründlich ernüchtert über die Altersstruktur der Gemeinschaft hierzulande.

Pater Hans Pittruff Dann kommt Pater Hans Pittruff in den Raum – mit jener freundlichen Ausstrahlung, die offenbar allen Herz-Jesu-Missionaren eigen ist. Auch Pittruff ist Dülmener, allerdings nicht gebürtig. Seine Mutter und er, Jahrgang 1939, wurden 1942 aus Gelsenkirchen-Schalke als „Ausgebombte“ nach Dülmen evakuiert, wo sie dann 1945 noch einmal das Inferno der Zerstörung durchlebten. Später lebten sie am Haverlandweg. Für die verwitwete Mutter war der Besuch ihres Sohnes auf der höheren Schule nicht zu finanzieren, doch Pfarrer Theodor Dümpelmann half mit Rat und Tat: ab 1950 besuchte Hans Pittruff das Internat bzw. Gymnasium in Hiltrup – wie rd. 30 Jahre zuvor Friedrich Kaiser. Nach dem Abitur 1959 trat Pittruff wie viele in seinem Abiturjahrgang den Herz-Jesu-Missionaren bei. Und nicht anders als Friedrich Kaiser vor dem Zweiten Weltkrieg hofften auch jetzt die jungen Ordensmänner, möglichst bald „in die Mission“ gehen zu dürfen. Doch dazu kam es nicht, denn auch in der Heimat wurden Missionare gebraucht: Pater Pittruff wurde nach der Priesterweihe 1965 von seinem Orden für den Schuldienst bestimmt und unterrichtete lange Jahre am ordenseigenen Gymnasium in Homburg im Saarland. Hier war er übrigens Lehrer von Martin Kleer. 

Seit langem ist Pater Pittruff der Schriftleiter der „Hiltruper Monatshefte“, also jenes Mitteilungsblattes, aus dessen Ausgabe vom Januar 1919 ich heute Morgen am Dülmener Bahnhof vorgelesen habe. Was die inhaltliche Ausrichtung und grafische Gestaltung der Hefte angeht, so liegen Welten zwischen einem heutigen Heft und einem Exemplar von vor 100 Jahren. Die eng beschriebenen Seiten von damals sind mit den großzügig und ansprechend gestalteten farbigen Heften von heute nicht zu vergleichen. Doch das Anliegen ist dasselbe: Menschen für die Arbeit der Herz-Jesu-Missionare zu interessieren, den Blick auf die Weltweite der Kirche zu lenken, für die Unterstützung des Ordens durch Gebet und Spenden zu werben. Wir dürfen von einem bereitliegenden Stapel einige neuere „Hiltruper Monatshefte“ mitnehmen, außerdem einen Info-Flyer über das Kloster Hiltrup sowie ein Gebetsblatt mit dem täglichen Gebet der Herz-Jesu-Missionare zu „Unserer lieben Frau vom Heiligsten Herzen Jesu“.  

KlostergartenWir haben noch ein wenig Zeit bis zum Mittagessen. Pater Provinzial lädt uns zu einem Rundgang durch die Klosteranlage ein. Um einen begrünten idyllischen Innenhof führt (einem traditionellen Kreuzgang vergleichbar) ein Umgang herum, von dem aus sich die weiteren Räume und Flure des Klosters sowie das Treppenhaus erschließen. In diesem weiträumigen Korridor werden an den Wänden und in Vitrinen zahlreiche Bilder und Kleinkunstwerke und Gebrauchsgegenstände vor allem aus Papua-Neuguinea ausgestellt, aber auch aus Südamerika. Dazu kommen auch einige deutsche Erinnerungsstücke der Herz-Jesu-Missionare: Das eindrucksvolle Modell des früheren Missionshauses; zwei neugotische Altarflügel der früheren Kapelle des Missionshauses; eine großformatige moderne Herz-Jesu-Darstellung als bleiverglastes Kirchenfenster aus der früheren Herz-Jesu-Kirche in Hamm. Auch Clemens August von Galen findet sich hier als Bronzerelief sowie als farbiges Fensterbild. Seine Verbundenheit mit dem Orden, die nicht zuletzt in seiner engagierten Klage über die Behandlung der MSC-Missionare in seiner Predigt vom 20. Juli 1941 zum Ausdruck kam, führte 1946 dazu, das enteignete und nun wiedererlangte Hiltruper Gymnasium nach ihm zu benennen. So heißt die Schule, mittlerweile in Trägerschaft des Bistums, bis heute „Kardinal-von-Galen-Gymnasium“.

Da wir noch etwas Zeit haben, begeben wir uns ins erste Obergeschoss und gelangen durch den Aufenthaltsraum der Hausbewohner auf eine Dachterrasse. Die Sonne brennt vom Himmel, doch ein leichter Wind tut gut. Wir schauen auf das heutige Schulgelände, dahinter ragt, noch immer majestätisch und erhaben, die historische Backsteinsilhouette des alten „Missionshauses“ empor. Dieses wollen wir am Nachmittag näher in Augenschein nehmen. Doch vorher, um 12.30 Uhr, dürfen wir uns bei einem einfachen aber schmackhaften Mittagessen stärken. 

Auf dem FriedhofUm 13.30 Uhr treffen wir uns zu einem Gang in den Außenbereich, in den „Klosterwald“. Zwischen hohen alten Bäumen genießen wir die Kühle des Schattens und begeben uns über einen Waldpfad zu einer kleinen Lichtung, auf der sich der von einem Zaun eingefasste Klosterfriedhof befindet. In langen Reihen sind hier seit mehr als 100 Jahren Schüler, Brüder und Patres der Hiltruper Missionare bestattet, darunter natürlich auch Reinhold Frieling, der erst vor zwei Jahren mit 90 Jahren starb. Wir singen von unserem Liedblatt „Herr, wir bitten: Komm und segne uns!“, denn das ist eine gute Überleitung zum jetzt angesetzten Geistlichen Impuls. Wir stellen uns am Rande des Gräberfeldes im Kreis auf, und ich lese Genesis 12,1-10 vor: der Auftrag Gottes an Abraham, in die Fremde zu ziehen – und die Verheißung, er werde Abraham und seine Nachkommen segnen. „Ein Segen sollst du sein. Ich werde segnen, die dich segnen. ... Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.“ Der Aufbruch ins verheißene Land, der Auszug aus der vertrauten Sicherheit – Leitbild und Ideal für so viele Missionare: Alles hinter sich lassen, sich frei machen für einen Ruf in eine gesegnete Zukunft, nicht zuletzt mit anderen als „wanderndes Gottesvolk“. Allerdings: Abraham nahm seine ganze Sippe mit „und alle ihre Habe, die sie erworben hatten, und alle, die sich in Haran hinzugewonnen hatten.“ Also: Abraham zog nicht mittellos, sondern verfügte über Hab und Gut, verfügte auch weiterhin über einen reichen Fundus an Beziehungen und Möglichkeiten. Das ist wichtig: Wir müssen im Leben nie bei Null anfangen. Wir dürfen dankbar auf Erfahrungen und Begabungen schauen, die wir als Einzelne oder als „pilgernde Kirche“ mitnehmen, die Gott zum Segen werden lässt, wenn wir sie nur mutig einbringen. Verwurzelung und Sendung, Herkunft und Zukunft – das sind keine Widersprüche, sondern die Brennpunkte einer Ellipse. 

Und jetzt kommt die Wendung auf Friedrich Kaiser: Auch er war sein Leben lang, bei allem Drang nach „neuen Ufern“ und missionarischen Aufbrüchen, dankbar für seine heimatliche Prägung und pflegte seine Verbundenheit mit Westfalen. Ich lese aus einem Zeitungsartikel von 1987 über einen Besuch von Schwester Willibrordis in Dülmen und zitiere sie: „Trotz des langen Aufenthaltes im fernen Peru ist Bischof Kaiser jedoch ein Dülmener mit Leib und Seele geblieben. Wenn er etwas von Dülmen hört, so ist das seine größte Freude. Das ist ein echter Dülmener.“ Selbst die „Dülmener Heimatblätter“ las Kaiser regelmäßig. Ich zitiere aus Briefen, die Kaiser 1985 und 1986 an den Dülmener Heimatverein schrieb, in denen er auch für die Zusendung von Büchern dankte: „Ich habe schon einige heimatliche Stunden damit verbracht, alles durchzusehen und bereits manches gelesen. ... Unglaublich und wirklich bewundernswert ist das. … Nochmals danke ich Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit. Selbst an die neueste Nummer der ‚Dülmener Heimatblätter’ haben Sie gedacht. Das ist für mich immer kostbare Lektüre.“ 

GedächtnisstätteWir singen „Möge die Straße“ und verlassen den Klosterfriedhof. Nur wenige Schritte weiter, ebenfalls von alten Bäumen umringt, befindet sich eine Gedächtnisstätte in Erinnerung an die in den beiden Weltkriegen gefallenen und vermissten Herz-Jesu-Missionare. Auf steinernen Stelen sind zahllose Namen aufgelistet; leider versäume ich, sie zu zählen. – Als Clemens August von Galen in der zweiten seiner drei weltberühmten Predigten vom Sommer 1941 namentlich die Ausweisung der Herz-Jesu-Missionare aus Hiltrup beklagte, betont er deren besondere Loyalität zum Staat: „Ich sage das mit besonderer Betonung: denn aus den Reihen der Hiltruper Missionare stehen zur Zeit, wie ich kürzlich zuverlässig erfuhr, 161 Männer als deutsche Soldaten im Felde, teilweise direkt vor dem Feinde, 53 Patres von Hiltrup sind als Sanitäter im Dienste der verwundeten Soldaten tätig, 42 Theologen und Brüder dienen als Soldaten mit der Waffe dem Vaterland, sind teilweise schon mit dem Eisernen Kreuz, dem Sturmabzeichen und andern Auszeichnungen geschmückt.“ Die vielen Namen der Gefallenen auf den Gedenksteinen lassen erahnen, was nach 1945 dann feststand: Wohl kein anderer Orden hat vergleichsweise viele Patres und Brüder auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges verloren wie eben die Herz-Jesu-Missionare.

GedächtnisstätteBesonders in den Umbrüchen der Nachkonzilszeit trat die Tragik schmerzhaft zutage: Durch die enorme Dezimierung der Hiltruper Missionare während des Krieges fehlte der Norddeutschen Provinz weitgehend die „mittlere Generation“ zwischen 45 und 65 Jahren. Nachdem ein Reformkapitel in Rom entschieden hatte, dass die Provinziale nicht länger durch die Ordenszentrale bestimmt, sondern durch die jeweiligen Provinzkapitel gewählt werden sollen, fand dann 1970 in Münster erstmals die Wahl des Provinzials der norddeutschen MSC-Provinz statt: Die Kapitelversammlung bestand aus zwölf Patres, von denen elf unter 40 Jahre alt waren – gewiss offiziell delegiert, aber kaum repräsentativ. Der neugewählte Provinzial war gerade einmal 32 Jahre alt und damit nicht einmal halb so alt wie etwa Friedrich Kaiser! Dieser reagierte ungehalten auf das Wahlergebnis, bezweifelte dessen Legitimität und fragte: „Wie kann man so was mit dem schmückenden Beiwort „demokratisch“ versehen?“ Der Kritisierte zeigte sich bestürzt über „solche Worte, aus der Ferne geschrieben, mit der Autorität deines Amtes beladen“, und entgegnete: „Persönlich möchte ich dich bitten, ein klein wenig mehr Vertrauen zu den jungen Leuten zu haben.“ Kaiser lenkte ein: „Intellektuell wohnen wir wohl auf verschiedenen Planeten. … Aber Du wie die anderen, Ihr habt jetzt und stets meine aufrichtige Freundschaft. Aber auch die Genossenschaft und Provinz, der ich angehöre, haben meine ganze Zuneigung.“ –  Der damals so junge Provinzial verbringt übrigens heute seinen Lebensabend in Hiltrup. 

MuttergottesWir betrachten noch kurz eine besondere Herz-Jesu-Figur zwischen den Gedenkstelen, aus Sandstein gemeißelt: Maria trägt auf ihrem linken Arm das Jesuskind; zugleich hält sie mit der rechten Hand ein entflammtes Herz vor die Brust des kleinen Jesus, der wiederum den Betrachter segnet. Dann verlassen wir den „Klosterwald“ und begeben uns durch ein Gartentor auf den wochenendlich verwaisten Schulhof des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums. Die Sonne brennt. Wir nehmen einen Zickzack-Weg über das weitläufige Schulgelände, vorbei an Nebengebäuden und Bauzäunen, passieren das Hauptgebäude des Gymnasiums (an dem ein Mosaik das Bischofswappen Galens zeigt) und gelangen dann an die rückwärtige Seite des alten „Missionshauses“. Das Missionshaus in Hiltrup, heute denkmalgeschützt, beeindruckt noch immer durch seine großzügige Backsteinfassade im Stil der Neugotik. Der zentral angelegte und nach hinten ausgreifenden Kapellenbau wurde 1984 abgerissen, doch ganz bewusst erinnert noch die Einfassungslinie einer Rabatte an den alten Grundriss. 

Ich erzähle etwas von der Entstehungsgeschichte: 1894 hatte die Regierung in Berlin den Herz-Jesu-Missionaren die Erlaubnis erteilt, auch in Deutschland ein Missionshaus zu errichten, um von hier aus den Nachwuchs von Missionaren zu fördern und die Arbeit in fernen Ländern ideell und materiell zu unterstützen. Seitens der preußischen Obrigkeit waren die Motive durchaus nicht uneigennützig: Deutsche Missionare sollten in den neuen Südsee-Kolonien die französischen Ordensmänner ablösen; seitdem wirkten deutsche Herz-Jesu-Missionare auf Papua-Neuguinea. 

Blick auf das GymnasiumDie Herz-Jesu-Missionare entschieden, ins Münsterland zu gehen, und fanden in Hermann Dingelstad einen Bischof, der ihrem Anliegen aufgeschlossen begegnete. Mit dem Aufbau der Niederlassung und damit einer deutschen Provinz des Ordens wurde der Niederländer Pater Hubert Linckens als künftiger Superior betraut. Am 8. Dezember 1897 konnte an der Hammer Straße in Münster-Hiltrup das „Missionshaus“ als Ausbildungseinrichtung für künftige Missionsberufe eingeweiht werden. Von Antwerpen aus machten acht Patres, 14 Brüder und 22 Studenten den Anfang der künftig so genannten „Hiltruper Missionare“. Von Anfang an war dem Missionshaus Hiltrup ein Gymnasium mit Internat angegliedert, das für Jungen aus dem kinderreichen Münsterland die Möglichkeit eröffnete, das Abitur zu erwerben – und sie wohl auch für den Ordensberuf begeistern sollte. 

Ab den 1970er Jahren wurden Gebäudeteile des Missionshauses an die „Deutsche Hochschule der Polizei“ vermietet; die Herz-Jesu-Missionare ließen sich in direkter Nachbarschaft in ihrem neuen Ordenssitz nieder. Nachdem der Orden die altehrwürdige Immobilie Anfang der 1980er Jahre verkauft hatte, erfolgten weitreichende Umbau- und Sanierungsarbeiten, in deren Folge Zwischenebenen in die extrem hohen Räume eingezogen und Apartments geschaffen wurden. Wir können nur von außen in die Räume blicken und erkennen die „Schlafböden“ unter der Decke. „Verschiedene Wohnungsgrößen versprechen für jeden Geschmack einen individuellen Wohnkomfort“, so heißt es in einem Informationstext des „Wohnparks Hiltrup“.

MissionshausWir verlassen den Hinterhof des Missionshauses, der heute als Parkplatz dient, und umrunden das Backsteingebäude. Von vorn präsentiert sich der Bau mit der aufwändigen Schmuckfassade in seiner eigentlichen Pracht. Hier erschließt sich, was Martin Kleer heute Vormittag sagte: Schon rein äußerlich habe um 1900 dieser Bau die Bewohner des kleinen Dorfes Hiltrup schwer beeindruckt. Auch wir staunen über die vielen Details und backsteinernen Schmuckelemente. Die alte hölzerne doppelflügelige Haustür lässt sich nicht öffnen, doch plötzlich kommt jemand heraus. Einige von uns nutzen den Augenblick und huschen in den Flur. Vorsichtshalber frage ich, ob man hinein dürfe. „Junkiehaus“ zischt der Gefragte, „Dreckshaus“.  Keine Ahnung, welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist. Der Fußboden ist in der um 1900 verbreiteten Terrazzotechnik gestaltet, ein Mosaik grüßt den Eintretenden mit dem Schriftzug „SALVE“. Das bleiverglaste Oberlicht zeigt ein blutendes Herz vor einem Kreuz. Wir gehen dann doch nicht weiter, denn die frühere Eingangshalle wirkt verbaut und nicht einladend. 

Herz JesuMit einigen Schritten Abstand zum Hauptportal kann man hoch oben auf der Spitze des mittleren Fassadengiebels eine lebensgroße Herz-Jesu-Figur aus Sandstein erblicken, die gütig und segnend auf den Vorplatz herabblickt. Ich denke an den Kontrast zwischen diesem Motiv und dem aggressiven jungen Mann, der soeben an uns vorbei eilte. Jules Chevalier, der Gründer der Herz-Jesu-Missionare, hatte mit Blick auf das vor Liebe entflammte Herz Jesu, mit Blick auf die Leidenschaft unseres Gottes für uns Menschen, beklagt: „Zwei Übel richten unsere unglückliche Welt zugrunde: Gleichgültigkeit und Selbstsucht.“ 

Wir begeben uns weiter im Uhrzeigersinn um das alte Missionshaus und treten dann den Rückweg zum heutigen Kloster an. Um 15.00 Uhr wollen wir gemeinsam und abschließend einen Gottesdienst feiern. Die Kapelle enthält einige Erinnerungsstücke aus der Kapelle des alten Missionshauses, wurde ansonsten aber mit den markanten Schnitzwerken eines Sauerländer Künstlers ausgestattet – vom Altarblock bis zum Orgelprospekt. Zu Beginn des Gottesdienstes erklärt Pater Provinzial den Grundgedanken der geschnitzten Motive am Altar: Eine Auswahl besonderer Stationen der Heils- und Menschheitsgeschichte, zusammengehalten und gekrönt durch das Selbstopfer Jesu, dessen wir in der Eucharistie gedenken. 

LiedDa erst am Vortag das jährliche „Hochfest vom Heiligsten Herzen Jesu“ war, nehmen wir auch jetzt die entsprechenden Schrifttexte und Gebete, zumal an diesem besonderen Ort der Herz-Jesu-Verehrung. Pater Charly konzelebriert, Schwester Mariella spielt die Orgel. Ich verteile Fürbitten, die jeweils einen Bezug zum Leben und Wirken von Friedrich Kaiser haben. Auch gebe ich auf einem Blatt den Text eines fünfstrophigen Liedes aus, in dem Friedrich Kaiser gewürdigt und sein Vorbild besungen wird. Ich bin mir über eine geeignete Melodie noch im Unklaren. Wir werden zu Beginn drei Strophen auf die Melodie von „Alles meinem Gott zu Ehren“ singen, am Ende zwei weitere auf „Du aus Davids Stamm geboren“. Einen endgültigen Entscheid zur Melodie der künftigen „Kaiser-Hymne“ wird es heute aber nicht geben. 

Das Evangelium trägt Pater Charly vor. Der Text aus dem Johannes-Evangelium berichtet von der Kreuzigung Jesu und wie ein Soldat eine Lanze in das Herz Jesu stößt. Ich beginne meine Ansprache mit den Worten des Evangelisten: „Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt. Und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt.“ Der Zeuge hat mehr erkannt als nur das Vordergründige. Denn vordergründig ist der Stoß ins Herz die endgültige Niederlage, die ultimative Vernichtung des Lebens. Vordergründig wird das Herz als Symbol emotional und kommerziell missbraucht – um dem Menschen irgendwas einzuflüstern, anzudrehen, abzuschwatzen. Das Herz Jesu aber entzieht sich diesem Missbrauch, dieser inflationären Verbreitung des Herzens für alle möglichen Parolen und Slogans. Die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu betrachtet die Liebe Gottes, die sich für die Kirche und die ganze Menschheit bis zum Äußersten verschenkt. Die Ausrichtung am Herzen Jesu kann auch in uns eine Haltung fördern: eine Haltung der Einfühlsamkeit, des Mitleids, der Geduld. Diese Haltung ist die Grundlage, noch vor allem „Machen“ und allem Aktionismus. Das, was zu tun ist, erschließt sich von ganz allein – wenn sich zuvor die Haltung der Achtsamkeit und Empathie der Umwelt und dem Mitmenschen zuwendet. 

WerbungDann müssen wir den Heimweg antreten. Freundlicherweise kutschiert Pater Klaus Gräve, der Hausobere, eine ältere Dame samt ihrem Rollator in seinem PKW zum Hiltruper Bahnhof; wir übrigen bewältigen die Strecke von heute Morgen zu Fuß. Für einen Augenblick stehen wir in der Nachmittagsschwüle auf dem Bahnsteig und warten auf unseren Zug, der um 16.47 Uhr von Hamm kommend einfährt. Am Rande der Gleise wirbt eine riesige Plakatwand für das Handwerk. Ein junger Mann streicht mit einem Pinsel offenbar die Planke eines Bootes, dazu der Slogan: „Alter Tradition neuen Glanz gegeben!“ Ein wenig durften wir das heute erleben – wie sich alte Überlieferung neu erschließt und etwas von ihrer einstigen Faszination preisgibt. Oder, um mit dem Evangelisten am Herz-Jesu-Fest zu sprechen, – wie die Initiative und der Idealismus unserer Vorfahren an unsdie aufrüttelnde Frage stellt: Und ihr? Was habt ihr gesehen und als wahr erkannt? Und was wollt ihr heute bezeugen, damit andere glauben? Wofür schlägt euer Herz, wie drückt sich eure Glaubensbegeisterung und eure Opferbereitschaft in der Gegenwart aus? – Doch zu langer Meditation oder Reflexion fehlt jetzt die Zeit. Wir nehmen im Zug Platz, steigen in Münster um, und gegen 17.30 Uhr sind wir wieder in Dülmen.

Weitere Bilder von der Tagestour nach Hiltrup >>>

Ruf aus den Anden

Ich bin zwar der Abstammung nach Deutscher, dem Herzen nach aber Peruaner. Mit ihnen möchte ich nicht nur leben, sondern auch bei ihnen sterben.